Neues Magazin Gutes von gestern

"Hamburg History Live" betrachtet die Zeitläufte aus Sicht der Hansestadt. Sämtliche Texte sind von Wissenschaftlern der Stiftung geschrieben, die das Magazin herausgibt. So lesen sie sich auch.

Von Thomas Hahn

Die Liebe der Hamburger zu ihrer Stadt ist groß und fest. Nicht-Hamburgern kann sie manchmal ein bisschen eingefahren vorkommen, weil sie sich so ausschließlich auf die Hafenmetropole bezieht und weil die Liebenden ihre Blicke kaum über die vornehme Architektur an Alster und Elbe hinausbewegen. Aber das ist natürlich nicht fair. Treue ist eine Tugend, die man keinem zum Vorwurf machen darf. Und was ist das anderes als Treue, wenn Einheimische immer wieder darauf zurückkommen, dass ihre Stadt "die schönste Stadt der Welt" sei, obwohl sie gar nicht alle Städte der Welt kennen? Insofern ist es folgerichtig, dass vergangene Woche eine Zeitschrift in den Verkauf gekommen ist, die sich ganz auf Hamburg konzentriert. Genauer gesagt: ganz auf Hamburgs Geschichte. Hamburg History live! ist ein Magazin für Vergangenheitsbewusste, denen es reicht, die Zeitläufte aus der Perspektive der Hansestadt zu betrachten.

Wissenschaftler haben die Texte geschrieben. So lesen sie sich auch

Das neue Printprodukt passt in den fast endlosen Bestand der Special-Interest-Zeitschriften, der Insider des Kanufahrens und Modelleisenbahnbaus genauso mitnimmt wie Kitesurfer, Hundebesitzer oder Briefmarkensammler. Diese Magazine sind in ihrem gesellschaftlichen Wert nicht zu unterschätzen. Sie geben Themen einen Raum, die viele Menschen bewegen, die aber zu klein sind für das ganz große Publikum. Und jetzt finden sich also auch jene Hamburg-Liebhaber am Kiosk wieder, die sich bisher im Stich gelassen fühlten mit ihren Fragen zum Vorleben des Vorzeige-Stadtteils Blankenese oder zur Piraterie gegen Hamburger Seefahrer im Nordafrika des 16. Jahrhunderts.

Ein rein journalistisches Erzeugnis ist das Magazin nicht, auch wenn die Chefredakteurin aus mächtigem Verlagshause stammt. Angelika Jahr, 74, Gründertochter und einst Vorstandsmitglied sowie Zeitschriftenentwicklerin des Unternehmens Gruner + Jahr, will in dem Heft nicht "über trockene Historie berichten, sondern immer bis in die Gegenwart hinein", wie sie kürzlich dem NDR sagte. Aber Herausgeber ist Börries von Notz, Alleinvorstand der Stiftung Historische Museen Hamburg, der Angelika Jahr davon überzeugte, dass sich aus der Arbeit seiner Institution ein spannendes, üppig bebildertes Druckerzeugnis machen ließe. Alle Texte stammen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Stiftungs-Museen.

So lesen sie sich auch, wenn man ehrlich ist. Es fehlt ihnen der feine, spielerische Erzählstil, der den Unterschied macht zwischen einer Arbeit, die historische Tatsachen zusammenträgt, und einer Geschichte, die diese Tatsachen in einen größeren Zusammenhang stellt. Der Titel verheißt eine Art Live-Berichterstattung aus der Vergangenheit. Aber dem Anspruch, lebendige Erzählungen von früher zu liefern, hinkt die erste Ausgabe hinterher. Die Vergangenheit steht darin viel zu sehr für sich, die Autoren schaffen kaum die Verbindung zu den Themen von heute. Daran ändern auch eine Serie über traditionsreiche Gasthäuser oder Pro-und-Contra-Beiträge zur Olympia-Bewerbung nichts. Wissen allerdings steckt reichlich in dem Heft. Wie jedes Museum weitet es die Perspektive desjenigen, der sich auf die ungekünstelte Darstellung einlässt. Und wer Hamburg liebt, wird ohnehin begeistert sein von dieser Illustrierten über die Zeit, als die Hansestadt noch jung war.