Neuer Trend im TV-Programm Dokus fürs gute Gewissen

Im Fernsehprogramm etabliert sich ein neuer Trend: Auf historische und gesellschaftlich brisante Spielfilme folgt oft eine thematisch passende Doku. Muss das sein?

Von Carolin Gasteiger

Egal ob bei den Öffentlich-Rechtlichen oder im Privatfernsehen: In letzter Zeit lässt sich ein Trend erkennen, der verwundert. Nach einem Spielfilm läuft die thematisch passende Dokumentation. "Sehen Sie im Anschluss an München 72 - Das Attentat gleich München 72 - die Dokumentation", verkaufen die Sender die Doppelpakete aus Fiction und Doku.

Man mag darüber streiten, ob es sinnvoll ist, hinter eine fiktive Geschichte die passende Dokumentation zu schieben. Zuschauer, die ein Thema besonders spannend finden, mag das einerseits freuen. Allerdings mutet dieser Programmierungstrend auch seltsam an - und als Alibi.

Als wollten die Verantwortlichen die eine oder andere Ungenauigkeit aus dem betreffenden Spielfilm wieder glattbügeln, ganz nach dem Motto: "Liebe Zuschauer, das eben war reine Phantasie, nun sehen wie, wie es wirklich war."

Die Argumente der Sender für den Doppelpack liegen auf Hand: Das Publikum bekommt Zusatzinformationen präsentiert, im Programm wird ein Themenschwerpunkt gesetzt - und das Archivmaterial im Keller findet eine Wiederverwertung. Oft drehen sich auch die Talkshows am späten Abend um dasselbe Thema.

Langweiliger Dauerzustand

Muss das sein? Sollte ein Spielfilm, der auf Fakten basiert, nicht so gut recherchiert sein, dass er im Hauptabendprogramm für sich allein stehen kann? Und sollte eine Dokumentation nicht so aufregend konzipiert sein, dass sie auch ohne einen quotenstarken Spielfilm vorneweg im Programm reüssieren kann? Und sollten die Programmmacher senderübergreifend nicht langsam verstehen, dass diese bisweilen holprig gesetzten Themenschwerpunkte als Dauerzustand langweilig werden?

Jüngstes Beispiel: The Mongolettes auf Sat 1. Es geht um einen gescheiterten Musiker, der als Musiklehrer mit geistig behinderten Schülern eine Rockband gründet und sie bei einem Bandcontest anmeldet. "Jetzt wird es wild" kündigen Programmzeitschriften die Familienkomödie an. Sat 1 versichert - geradezu schulmädchenhaft, in dem Film die "Behinderung nicht in den Vordergrund" zu stellen. Ebenso ethisch vorbildlich wirkt die Antwort von Hauptdarsteller Max von Thun auf die Frage, was ihn an der Rolle gereizt hat: "Die Zusammenarbeit mit den Downies ... und was am Set so alles spontan passieren kann."

Bleibt die Frage, warum der Sender gleich im Anschluss die Reportage "Genies mit Handicap" zeigt. Hoffentlich nicht, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

The Mongolettes - Wir wollen rocken, Sat1, 20:15 Uhr, im Anschluss Genies mit Handicap, 22:15 Uhr

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