Neuer Homer-Simpson-Sprecher Warum der neue Homer wie der alte klingt

Neinnn! Wird Homer es in der nächsten Folge (Dienstag, 20.15 Uhr, Pro Sieben) sagen, wenn Kettenraucherin Patty bei ihm einzieht?

(Foto: Fox)

Eine andere Stimme für den Ober-Simpson? Das ist, als gäbe es einen neuen James Bond. Deshalb imitiert der neue Homer-Simpson-Sprecher Christoph Jablonka seinen Vorgänger - noch.

Von Wolfgang Luef

Die wichtigste Frage zur neuen Stimme von Homer Simpson bleibt zunächst offen: Wie klingt das "Neinnn"? Der berühmte Fluch des Familienvaters aus Springfield kommt in den ersten beiden Episoden der 27. Staffel nicht vor.

Seine Frau Marge verlässt ihn in der ersten Folge - wieder einmal. Homer ist verzweifelt, er weint, ruft, heult und bettelt, das ganze Programm, aber "Neinnn" sagt er kein einziges Mal. Trotzdem: Im Grunde wissen die Zuschauer bereits, wie es klingen wird. Genau wie immer nämlich, sich leicht in die Kopfstimme überschlagend, mit stark betontem i und sehr langem zweiten n. So hat es der alte Homer gesagt. So wird es der neue sagen.

Der Sender Pro Sieben hatte seine wichtigste Casting-Entscheidung des Jahres zu treffen - vielleicht sogar die wichtigste in vielen Jahren. Eine neue Stimme für Homer Simpson, das ist wie ein neuer Darsteller für James Bond oder Batman im Kino. Die Simpsons sind die am längsten laufende US-Zeichentrickserie, es gibt bereits 596 Episoden über die Familie aus Springfield. In den USA soll am 25. September auf dem Sender Fox Folge 598 gezeigt werden, als Auftakt zur 28. Staffel.

Für Pro Sieben ist die Treue der deutschen Fans zu den gelben Männchen nicht unwichtig, allein 2015 verteilte der Sender knapp 900 Folgen - die neuen und Wiederholungen der alten - im Programm. Da klingt es logisch, dass die deutsche Version auf die sicherste Bank setzt. Klingen wie der alte, das war die Anforderung an den neuen Sprecher Christoph Jablonka.

Christoph Jablonka, 60, übernimmt die Homer-Rolle nach 26 Staffeln vom verstorbenen Norbert Gastell. Jablonka war bisher Sprecher für Werbung und Dokus sowie Senderstimme von Sky.

(Foto: dpa)

Er muss sich also nicht etwa mit Dan Castellaneta messen, dem US-amerikanischen Original-Sprecher mit seinem kehligen, comichaften Bariton, sondern mit Norbert Gastell, der fast 25 Jahre lang den deutschen Homer sprach, mit dessen krächzendem Ton, der sich oft überschlägt und stets zwischen resigniert und hysterisch changiert. Nachdem Gastell im November mit 86 Jahren gestorben war, hieß es in den Nachrufen, Homer Simpson werde nie wieder derselbe sein. Pro Sieben scheint dem nun entgegnen zu wollen: Doch, wird er.

"Yippie-ya-yeah, Schweinebacke" - wer das nun gesagt hat?

Für gewöhnlich ist Synchronsprecher ja ein Job mit eher wenig Öffentlichkeit. Fast jeder Erwachsene kann zwar den Rhythmus von "Mein Name ist Forrest, Forrest Gump" nachsprechen oder weiß, wie man "Yippie-ya-yeah, Schweinebacke" betont, aber wer das nun gesagt hat? Die Namen interessieren nicht.

Bei den Simpsons liegt die Sache etwas anders - und das ist in der Branche einzigartig: Der 60-jährige Jablonka, der bisher in Kinderserien (Die kleine Prinzessin) zu hören war und in der deutschen Version von The Apprentice Donald Trump sprach, steht unter strenger Beobachtung Tausender Fans. Er imitiert Gastell jedoch gekonnt. Gerade in den lauten, hysterischen Passagen ist er kaum von diesem zu unterscheiden - und solche Passagen gibt es in der ersten Folge genügend.

Die Zuschauer-Reaktionen auf Twitter am Dienstagabend reichten von "geht gar nicht" und "ich schalte nie wieder ein" bis zu "großartig" und "den Unterschied merkt man nich". Damit wird Jablonka immerhin freundlicher aufgenommen als einst Anke Engelke: Sie übernahm 2007 die Rolle von Homers Gattin Marge und orientierte sich nicht an ihrer verstorbenen Vorgängerin Elisabeth Volkmann, sondern am englischen Original.

Das fühlte sich für viele an, als habe sich die Figur verändert: Die Vertrautheit mit einer Person, die man seit Jahren zu kennen glaubte, war plötzlich weg, als würde da etwas fehlen, als habe Marge plötzlich kleinere Augen, eine neue Frisur oder - Gott bewahre - keine gelbe Haut mehr. Anders als Sprecher in Realfilmen können Trickfilmsprecher nicht auf die subtile Mimik eines Menschen reagieren, sondern nur auf ein paar Pinselstriche, die ohne Stimme weder Leben noch Persönlichkeit haben.

Die Entscheidung des Senders für unbedingte Kontinuität ist also schlau: Wenn Jablonka in den nächsten Jahren seinen Homer langsam entwickelt und verändert, wird es keinen Aufschrei mehr geben. Auch der Homer von Gastell hat in den ersten Staffeln völlig anders geklungen als zuletzt.

"Ich bin so kluk"

In Zeiten von Netflix ist die Debatte über Synchronisationen letztlich ein Anachronismus: Deutsche Fassungen von internationalen Formaten verlieren rapide an Bedeutung. Viele Fans von Serien wie Breaking Bad oder Game of Thrones wissen gar nicht, wie ihre Helden auf Deutsch klingen würden. Der Erfolg und der Kult der Simpsons hingegen zehren noch von einer Zeit, in der man nur schwer an Originalversionen kam. Und nach wie vor wird die popkulturell wohl einflussreichste Zeichentrickserie der Welt in Deutschland auf Deutsch zitiert.

Es liegt wohl auch an der meist großartigen Übersetzung: "Ich bin so kluk", "Das Wort heißt nukular", "Rette mich, Jebus!" oder "Ich hoffe, mein Schaden hat kein Gehirn genommen" - all das sind kongeniale Übertragungen von ursprünglich englischen Wortwitzen, die längst zu stehenden Phrasen geworden sind. Man wird sie immer so sprechen, wie sie Norbert Gastell gesprochen hat. Und Christoph Jablonka kann nun damit anfangen, selbst solche Phrasen zu sammeln. Er beginnt bald mit dem "Neinn".

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