Neue Zeitschrift "Men's Health Dad" Kurz mal in die Windel schnuppern

Men's Health Dad erscheint an diesem Mittwoch als Testausgabe in einer Auflage von 70 000 Stück. Das Heft wird bei der Rodale-Motor-Presse verlegt und kostet 3,90 Euro.

(Foto: Men´s Health Dad Cover)

Was wird bloß aus dem Sixpack und dem Sex? "Men's Health Dad" ist das erste Magazin für (angehende) Väter. Fazit: Wer das liest, dem sollte umgehend das Sorgerecht entzogen werden.

Von Martin Wittmann

Men's Health war für deutsche Leser schon immer eine Zumutung, vor allem oder zumindest der Titel. Seit fast 20 Jahren gibt es den deutschen Ableger des US-Fitness-Magazins, eben solange kämpfen die groben deutschen Zungen mit der Aussprache des Namens. Zugegeben, "Die Gesundheit der Männer" wäre auch nicht viel besser, obschon es unmittelbarer auf die Wartezimmertauglichkeit beziehungsweise -exklusivität des Blattes verwiese.

Aber Men's Health Dad? Hört sich auch ohne zweites Genitiv-S nach dead an, nach Tod. Dem der Männer oder dem der Zeitschrift. Auf jeden Fall nicht nach Leben. Und tatsächlich wird manch Leser von Men's Health, jener Junggesellen-Fibel zu Six-Pack (Bauch) und Sex-Pack (Bräute), wenn er denn gerade Vater geworden ist und nun nicht mehr aus-, sondern auseinandergeht, verzweifelt und müde fragen: Welches Leben bitteschön?

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Jedenfalls ist die erste größere Zeitschrift für Väter (abgesehen von Ökotest natürlich) von Mittwoch an im Handel. Der Termin ist skandalös spät, wenn man bedenkt, wie viele Magazine es längst für Mütter gibt. Der Kiosk ist hier konservativ - die eine Hälfte der Eltern wird mit Motivationsblättern samt Kochrezepten versorgt, auf dass die Kleinen möglichst spät Karies und die Mütter möglichst früh die Prä-Schwangerschafts-Jeansfigur bekommen; die andere, genauso große Hälfte durfte bisher eskapistisch in Lifestyle-Magazinen schmökern. Die Mütter wurden auf die Zwänge der familiären Anwesenheit hingewiesen, die Väter auf die Möglichkeiten der Abwesenheit.

Kind haben, Kerl bleiben

Dabei begreifen sich immer mehr Männer mit Kind tatsächlich als Vater. Fast vier von fünf Vätern nehmen heute Elternzeit. Die müssen doch auch mal was lesen wollen in dieser (ganze zwei Monate währenden) Lebensphase.

Was bietet die Men's Health Dad dieser bislang vernachlässigten Zielgruppe? Um es gleich zu sagen: Es steckt wenig Neues im Heft, nicht mal das Layout überrascht. Die Zeitschrift will exakt so aussehen wie die frühere Version der Nido, die sich seit sechs Jahren an supercoole junge Eltern richtet. Eineiige Zwillinge, nur zu unterscheiden am Namensschild. Dass der Verlag des Vorbilds (Gruner + Jahr) der Haupteigentümer des Verlags der Kopie (Motor-Presse) ist, darf als Begründung, aber nicht als Entschuldigung gelten.

Wenigstens die Losung der Neuerscheinung ist einzigartig: "Kind haben, Kerl bleiben - so lautet das Motto unseres brandneuen Magazins. Denn nur weil ein neues Leben anfängt, muss ein altes ja nicht gleich ganz aufhören." Eine Midlife-Crisis als Editorial.

Zum Inhalt: Die ersten Seiten widmen sich vielen keck betexteten Studien, etwa: "Ja, sie ist schwanger! Und ja, sie könnte kotzen - wie so viele: Drei Viertel aller werdenden Mütter leiden unter Schwangerschaftsübelkeit." Es folgen Väterfragen wie: "Ich bin Werder-Fan, mein Sohn interessiert sich null dafür. Ist er noch zu retten?" Texte über Quality Time und Kinderessen, Kriegsspielzeug und pädagogische Selbstversuche. Natürlich kommen auch das Befruchtungsorgan und die groben deutschen Zungen nicht zu kurz: "Sie ist sooo müde", was tun? Oder, und das ist die alles entscheidende Stelle im Heft: "Wie Sie heute Nacht noch ein Kind zeugen".

Diese Anleitung braucht logischerweise nicht, wer bereits Vater ist, sondern wer vielleicht und irgendwann mal einer sein wird und jetzt nur kurz in die Windel hineinschnuppern will. Wer wirklich ein Kind zu Hause hat, aber von einer Zeitschrift erklärt bekommen muss, wie diesem Kind die Windeln gewechselt werden - "Nun ziehen Sie die Beine nach oben, um dem Kind die Windel zu entfernen" -, dem ist umgehend das Sorgerecht zu entziehen. Die reiferen Artikel hingegen dienen, wie leider nahezu jedes Gespräch unter jungen Eltern, der öden Selbstvergewisserung.

"Mein armer Mann! Ich fühlte mich so gefordert, dass mir Sex unendlich fern lag"

Das Heft ist konzipiert für kindische Kinderlose, denen im Mario-Barth-Ton alle Ängste genommen werden sollen, vorm Erwachsenwerden, vor Verantwortung und, die größte Angst offenbar, vor weiblichen Geschlechtsteilen, die nach der Geburt nicht mehr ihren primären Zwecken dienen könnten: "Auch eine Frau hat null Ahnung, was sie in der Vagina spürt, wenn der Mann zum ersten Mal wieder in ihr kommt. Gehen Sie darum behutsam vor, lassen Sie sich Zeit." Ein Schaubild erklärt den irren Frauenkörper nach der Geburt: "Tausend Tränen" (wegen der Hormone), "Nasse Nippel" (Milch), "Berstende Brüste" (wieder Milch), "Paar Pfunde" (mehr), "Blödes Bauchgefühl" (bis eben war da ja ein Mensch drin), "Hubbelige Haut" (Schwangerschaftsstreifen), "Veränderte Vagina" (eben kam da ja ein Mensch raus).

Die Frauen? Kommen auch zu Wort: "Mein armer Mann! Ich fühlte mich so gefordert, dass mir Sex unendlich fern lag." Oder: "'Wie sehen denn die Kinder aus, das geht ja gar nicht!', begrüße ich meinen Mann zugegebenermaßen etwas schnippisch, während ich auf die beiden zeige. 'Wieso? Sie haben doch was an, oder etwa nicht?' Das war mal wieder typisch. Hauptsache, 'was an', egal, ob man (Baby) das nun so trägt oder es der Witterung entspricht."

Sexscheue, hysterische Mütter versus gelassene, lustige Väter, dazu Kinder - wer ein zeitgemäßes Signal erwartete, eine Annäherung der Geschlechter statt der Geschlechtsteile, der hat wahrscheinlich einfach keine Ahnung von echten Kerlen.