Neue Staffel "Germany's Next Topmodel" Der Fleischmarkt, den wir Kapitalismus nennen

Neue Staffel, neuer Juror: Designer Michael Michalsky (links) ergänzt die Jury um Heidi Klum und Thomas Hayo.

(Foto: ProSieben/Rankin)

Mit neuem Konzept lässt "Germany's Next Topmodel" keinen Zweifel mehr daran, worum es bei der Heidi-Klum-Show wirklich geht.

TV-Kritik von Julian Dörr

Am Ende eines langen Abends mit nervösen Mädchen und abgebrühten Fashion-Profis kann man ein paar Wörter einfach nicht mehr hören. Individualität ist so ein Begriff, den vor allem der Berliner Modeschöpfer Michael Michalsky bis zur Bedeutungslosigkeit überdehnt. Es ist wieder Model-Jagdsaison in Deutschland. Heidi Klum und Schießgesellschaft suchen Germany's Next Topmodel - zum insgesamt elften Mal.

Michalsky ist der Neue in der Jury. Er ersetzt Knuddel-Opa und Publikumsliebling Wolfgang Joop. Wobei ersetzen vielleicht etwas zu hoch gegriffen ist. Zumindest sitzt er in Joops Stuhl. Dort vergibt er keine Chance, sein persönliches Erfolgsrezept und wichtigstes Auswahlkriterium zu präsentieren: "Ich bin ein großer Fan von Individualität." Und die glaubt er in beinahe jedem Mädchen, das ihm auf dem Laufsteg entgegenstakst, zu erkennen. Aber wenn am Ende alle individuell sind, wer ist dann noch besonders? Ach, lassen wir das.

Individualität hört da auf, wo das Business beginnt

Für die elfte Staffel haben sich Model-Matriarchin Heidi Klum und ihre beiden Juroren Thomas Hayo und Michael Michalsky ein paar Neuerungen ausgedacht. Nach dem bekannten Prinzip aus The Voice of Germany werden die Kandidatinnen in der ersten Show einem von zwei Teams zugeteilt: schwarz oder weiß, Hayo oder Michalsky. Auch bei Germany's Next Topmodel buzzern die Juroren nun um ihre Favoritinnen. Doch bei einem Patt - und das passiert an diesem Abend sehr häufig - entscheiden nicht die Mädchen, sondern Heidi. Den freien Willen sucht man auch in der elften Auflage des Model-Bootcamps vergeblich. Individualität hört da auf, wo das Business beginnt.

Das wäre also ein Wort, aus dem an diesem Abend alle Bedeutung gesaugt wird. Traum ist ein zweites. Die neue Staffel Germany's Next Topmodel beginnt hinter den Kulissen. 50 Mädchen bereiten sich auf den Express-Yourself-Walk vor, die erste Prüfung des Abends. Und sie alle sprechen - wenn gefragt - eine Variante ein und desselben Satzes in die Kameras: "Mein größter Traum ist es Model zu sein." Dazu liefert die Redaktion Bauchbinden, also Einblendungen, von beinahe dadaistischer Qualität: "Julia, wohnte früher auf Lanzarote".

Nach der ersten Runde geht es für die verbliebenen Kandidatinnen in Abendgarderobe aus dem Haus Michalsky ein zweites Mal auf den Laufsteg - vor einem kritischen Fashion-Kenner-Publikum, wie Heidi betont. Dazu blickt Jimi Blue Ochsenknecht mit kritischem Fashion-Kenner-Blick in die Runde und darf später in die Kamera philosophieren: "Man sollte für seine Träume kämpfen."

Der Traum, der alle eint: rauskommen aus Ratzeburg, Bad Homburg und Sulzbach-Rosenberg

Und das ist ja auch der Kern dieses ganzen Formats. Die Cinderella-Story, dieser Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos, der den Maschinenraum des Kapitalismus mit immer neuem Feuerholz versorgt. Du kannst alles schaffen, wenn du nur hart genug dafür arbeitest. Für diesen Job wird auch in der elften Staffel eine Reihe von Stereotypen aufgefahren, ein fein inszeniertes Klischee-Fest. Da ist Cindy, Rohdiamant aus Dresden, die noch nie im Ausland war. Da ist Fred, das eigenwillige Mädchen mit der Glückshose. Da ist Jasmin, der großmäulige Rihanna-Klon. Da ist das Rich Girl, die Aldi-Kassiererin und das Mädchen, das schwanger war, ohne es zu merken.

Diese jungen Frauen eint der Traum vom Modelleben. Reisen, die Welt sehen, rauskommen aus Ratzeburg, Bad Homburg und Sulzbach-Rosenberg. Und deshalb stehen sie in der dritten und finalen Runde des Abends vor der Troika Klum-Hayo-Michalsky und warten auf das Urteil. 24 dürfen ein Ticket lösen für die große Weltreise, zwölf im Team Hayo, zwölf im Team Michalsky. Und wie sie da so stehen und die Männer um den Zuschlag von Heidi feilschen, zeigt sich das, was Germany's Next Topmodel immer schon war: der große Fleischmarkt, den wir Kapitalismus nennen.

Da stehen also diese Mädchen, manche von ihnen sind naiv, andere großkotzig. Erfahrung haben sie alle nicht, dafür aber Träume. Auf sie wartet die Realität. Und Wolfgang Joop, der die harte Welt durch Knuddeln und Knutschen für einen Moment weicher machen konnte, ist nicht mehr da.

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