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"Alles wird sich ändern": Viel Selbstdarstellung beim "Urban journalism salon" in Berlin, bei dem junge Journalisten live ein Magazin erstellen wollen. Doch mit der Qualität hapert's mitunter.

Von Mounia Meiborg

Die Zukunft des Journalismus trägt iPhone und Jutebeutel. Im Treppenhaus eines Berliner Hinterhofs drängen sich junge Leute. Am Eingang vom "Lehrter Siebzehn" bezahlt man drei Euro Eintritt und bekommt den Hashtag #ujournalism auf den Arm gestempelt.

Drinnen gibt es den Blick über Berlin, außerdem unverputzte Decken mit postindustriellem Charme und an der Bar Moscow Mule. Irgendwer twittert: "So viele schöne Menschen hier."

Die Journalisten Mark Heywinkel (Vocer) und Jens Twiehaus (Medium Magazin) haben gemeinsam mit der Autorin Rabea Edel zum Urban journalism salon eingeladen. Live und vor Publikum soll ein Magazin entstehen, zum ersten Mal.

Reporter sollen auf der Bühne von ihren Recherchen erzählen, Infografiken bauen, Podcasts produzieren. Und die Zuschauer - mehr als 300 Menschen, laut Handzeichen zu etwa zwei Dritteln Journalisten - sollen dabei mitmachen. Eine Moderatorin führt durch das Programm. Das orientiert sich mit Ressorts wie Ausland, Inland, Wirtschaft und Do-it-yourself an einem klassischen Print-Magazin.

Zu Beginn sieht es ein bisschen nach Poetry Slam aus. Auf der Bühne steht ein junger Mann, vor ihm ein etwas zu niedriges Mikrofon. Hanno Hauenstein liest Auszüge aus seiner Reportage über die Wasserversorgung in Israel und Palästina.

Schwer zu sagen, ob der Text, wenn man ihn gedruckt vor sich hätte, besser wäre. Zum Vorlesen taugt er jedenfalls nicht. Die Sprache ist sperrig, manches Bild schief. Prompt beschwert sich die Crowd auf Twitter. Allerdings nicht über den Text, sondern darüber, dass vorgelesen wird.

Was genau die Geschichte sein soll, bleibt unklar

Beim Auftritt der Crowdspondents passiert ein wenig mehr. Die Journalistinnen Lisa Altmeier und Steffi Fetz rollen eine Kleiderstange auf die Bühne. Davor sitzen sie und produzieren so live eine Folge ihres Audio-Podcasts.

Online haben sie Geld gesammelt, um jede Woche eine Geschichte zu recherchieren, die ihnen ein Leser vorgeschlagen hat. Diese Woche war das Schicksal von Flüchtlingen Thema, die in den 90er-Jahren nach Deutschland kamen. Im Rheinland haben sie mit ehemaligen Asylbewerbern gesprochen. Aber was genau die Geschichte sein soll, bleibt unklar. Im Podcast gibt es ein paar eingespielte O-Töne ("Die Leute haben uns komisch angeschaut"), dazu ein paar Sätze der Reporterinnen - das war's.

Beim Urban journalism salon kann man ganz gut über den eigenen Berufsstand nachdenken: Warum gründen derzeit so viele junge Journalisten eigene Projekte? Warum setzen so viele davon auf die Personality der Autoren? Wird der Reporter zum Entertainer, wenn man ihn auf eine Bühne stellt? Und wie viel Selbstdarstellung verträgt der Journalismus?

Das Publikum jubelt - es feiert sich ja schließlich selbst

Den zumindest unterhaltsamsten Auftritt an diesem Abend als "Live-Magazin" hat dann kein Journalist, sondern ein Designstudent. Thilo Kasper veranstaltet eine Performance zwischen Karneval und Kindergeburtstag. Es geht um die Zukunft der politischen Karikatur und die Frage, ob diese online weiterleben wird. In einem Schlauchboot stellen ein paar Zuschauer auf der Bühne die Akteure des Print-Journalismus dar: den Karikaturisten, die Redaktion, die Zeitungsleser.

Im Saal verteilt sitzen die Mitglieder der Netzgemeinde, die mit den großen Pappschildern als Blogger, Twitterer und Facebook-Nutzer gekennzeichnet werden. Die, so Kasper, seien viel zahlreicher als die paar Menschen auf der Bühne. Karikaturen werde es in Zukunft nicht mehr geben, stattdessen Memes, also Bilder oder Videos mit oft satirischem Inhalt, die sich über soziale Netzwerke verbreiten.

Das Schlauchboot des Print-Journalismus werde kentern, glaubt er. "Alles wird sich ändern!", ruft Kasper. "Wir sind gerade erst am Anfang!" Das Publikum jubelt. Es feiert sich ja schließlich auch ein bisschen selbst.