Neue Fußball-Zeitschrift "Zeitspiel" Magazin mit Bratwurst-Geruch

Das neue Fußball-Magazin Zeitspiel wählte das Stadion Marienthal (vorm Abriss) als Titelbild der ersten Ausgabe - ein Statement für die Abseitigkeit der Themen.

(Foto: Zeitspiel)

Ein Heft mit Themen, die man sonst an der Würstchenbude des örtlichen Fünftligisten besprechen würde: Braucht es das? Unbedingt!

Von Anja Perkuhn

Es riecht wunderbar nach feuchtem Tribünenbeton, leicht angebrannter Bratwurst und staubigen Fotonegativen, wenn man das Magazin Zeitspiel aufschlägt. Das Wort "Bundesliga" kommt darin nicht vor - allerdings ein Foto von Bayern-Trainer Pep Guardiola, wie er auf einem Auto unterschreibt, das der Fünftligist Borussia Neunkirchen versteigern möchte, um seine Insolvenz abzuwenden.

Es ein Nischenprodukt zu nennen, würde vielen Nischenprodukten unrecht tun: Das Fußball-Heft wurde geboren in der Ecke einer Nische. Nicht umsonst wählten die Macher das Stadion Marienthal von Concordia Hamburg als Titelbild der ersten Ausgabe - ein Statement für die Abseitigkeit der Themen.

Mehr als 100 Sportmagazine gibt es in Deutschland, kürzlich ist Zeitspiel dazugekommen - ein "Magazin für Fußball-Zeitgeschichte", wie es selbst verspricht. Oder androht, denn so ein Aufbau kann auch schiefgehen und zu einem schwadronierenden Historienklotz werden mit Bilderstrecken von Uns Uwe und dem Kaiser. Doch die Macher Hardy Grüne und Frank Willig halten sich fern von bierseligen Rückblicken in fußballselige Zeiten, als Schraubstollen noch eine Innovation waren. Stattdessen bereichern sie den Magazinmarkt.

Einerseits mit Geschichten, die das große Ganze im Blick haben - andererseits mit extrem speziellen Informationen. Sie gehen in der ersten Ausgabe das Thema "Überleben im Turbokapitalismus" an, mit einem breiten und tiefen Überblick über den "Spagat zwischen Ambitionen und solidem Wirtschaften". Die prominentesten Vereinspleiten stehen darin, ein Denkstück über Anspruch und Realität für Viert- und Fünftligisten, die immer knapp unterhalb des Profibereichs vegetieren, eine Übersicht über das Ligensystem in anderen Ländern - und ein Leserbrief aus einem kicker-Magazin von 1960, in dem sich der 13-jährige Fred wünscht, die Bundesliga möge doch endlich das Profitum einführen, damit deutsche Spieler im Weltfußball mithalten können.

Wie geht es eigentlich Altona 93?

Dazu gibt es Nachrichten, die man sonst nur aus zusammengetackerten Fanzines oder der Würstchenbude "Heißer Zipfel" direkt am Trainingsgelände des örtlichen Verbandsligisten beziehen könnte: Wie geht es eigentlich Altona 93? Wieso zieht der Essener Stadtteilverein Sportfreunde Katernberg auf eine andere Anlage? Wie viele Menschen haben sich das Siebtliga-Spiel VfL Wittekind Wildeshausen gegen den SV Atlas Delmenhorst angeschaut?

Na, noch da? Dann gehören Sie also zu den Lesern, die Grüne und Willig ansprechen wollen mit dem Heft, das vierteljährlich momentan mit einer Auflage von 2500 Exemplaren erscheinen soll und bisher nur per Post bestellbar ist. "Wir schreiben für den allumfassend interessierten Fußballfan. Wir wollen Lücken füllen und die Themen auffangen unterhalb der Profi-Ebene", sagt Willig. "Uns interessieren auch die Typen, die im Nieselregen da in den Dörfern stehen. Urige Typen von früher, die da noch übriggeblieben sind."

Schreiben im Zeitspiel für den "allumfassend interessierten Fußballfan": Hardy Grüne (links) und Frank Willig.

(Foto: Zeitspiel)

Das fühlt sich sanft nach dem an, was das wohl prominenteste alternative Fußballmagazin 11Freunde als Anspruch für sich formuliert: eine intellektuelle Herangehensweise an den Sport. Das "Magazin für Fußballkultur" wurde 2000 gegründet und mauserte sich seitdem: zu einem Magazin mit einer monatlichen Auflage von 80.000 Exemplaren, das nun zum Verlag Gruner + Jahr gehört. Anfangs war es noch ein Heft, in dem Chefredakteur Philipp Köster die meisten Texte selbst unter Pseudonym schrieb und das er mit seinem Kompagnon Reinaldo Coddou vor dem Berliner Olympiastadion selbst verteilten.

Es klingt aber auch nach dem, was die Fußballmagazine rund aus Deutschland und Null Acht aus Österreich ebenfalls vorhatten - deren Printausgabe wurde nach einigen Jahren eingestellt. Nischenprodukte bergen immer große Risiken, "das war uns ja auch bewusst", sagt Willig. Doch er gibt bereits seit acht Jahren das Magazin nordvier heraus, ein Heft über die Belange des höherklassigen Amateurfußballs in Norddeutschland. Und Grüne hat an weit über 120 Büchern über Fußball und Fußballgeschichte mitgearbeitet. "Wir kommen ja nicht komplett aus dem Nichts", sagt Willig.

Die Rückmeldungen sind bisher positiv, der Stapel an Magazinen wird immer kleiner, viele Leser haben sich schon für die zweite Ausgabe vormerken lassen. Noch befindet sich das Magazin in einem Zahlenbereich, in dem Grüne und Willig die Hefte händisch verschicken. "Und wenn wir nur ein Magazin in einer Nische bleiben", sagt Willig, "dann ists halt so. Wir wollen nicht den kicker vom Markt schubsen oder die 11Freunde verdrängen." Das wäre schließlich auch Turbokapitalismus.

Zeitspiel - Magazin für Fußball-Zeitgeschichte. Erscheint vierteljährlich. 7,80 Euro pro Einzelausgabe. 92 Seiten. Nur per Direktbestellung.