Netzwerk Recherche ohne Thomas Leif Aufklärer in Erklärungsnot

Einer der integersten Journalistenvereine Deutschlands stürzt in die Krise. Das Netzwerk Recherche verliert seinen Über- und Gründervater Thomas Leif: Protokoll eines Sturzes - in einer Affäre um Glaubwürdigkeit, fragwürdige Staatszuschüsse und mangelnde interne Transparenz.

Von Ralf Wiegand

Am liebsten hätte er gleich den ersten Ausgang genommen, versteckt hinter einem Werbebanner, direkt neben dem Podium. Thomas Leif drückte die Klinke. Mit einem Abgang durch diese Hintertür hätte jeder noch einmal visuell nachvollziehen können, was in der Stunde zuvor geschehen war: Man hatte ihn vom Hof gejagt beim Netzwerk Recherche, dem Verein, den er einst gegründet hat, dem Verein, der nach zehn Jahren seines Bestehens der beste Journalistenclub Europas zu sein glaubt, mit ihm an der Spitze, dem Vorsitzenden Thomas Leif, 52. Er ein Opfer, ein Märtyrer beinahe - so muss ihm das vorgekommen sein.

Doch weil hinter dieser Türe, die er nehmen wollte, schon die Band für die Jubiläumsfeier ihre Instrumente aufgebaut hatte und sie daher verschlossen war, musste Leif den Mittelgang entlang und an den Mitgliedern vorbei. Die sprachen ihn an, fragten was da gerade geschehen sei, und das war, als stäche man eine Reißzwecke in einen Ballon. "Ein Putsch, was sonst", zischte Leif, mit den üblichen Umsturzfolgen: Ab sofort gehört er nicht mehr dem Vorstand des Vereins an, als Konsequenz aus einer Finanzaffäre.

Ein Putsch, was sonst - man konnte tatsächlich für ein paar Minuten diesen Eindruck bekommen haben am Freitagabend im "K3", einem Konferenzraum mitten auf dem Gelände des NDR. In den weitläufigen Anlagen des Senders war gerade der erste Tag des Jahrestreffens von Netzwerk Recherche (NR) zu Ende gegangen, ein guter Tag. Nun noch die Versammlung als Aperitif - dann konnte die Jubiläumsparty im Foyer steigen.

Dass dann bei der Feier nur über die letzten hundertfünfzig Minuten im Vereinsleben und nicht über die vergangenen zehn Jahre gesprochen werden würde, war so für die Mitglieder nicht zu erwarten gewesen. Sie hatten zwar alle Mitte der Woche eine Email bekommen, in der ihnen vage von finanziellen Unregelmäßigkeiten berichtet worden war, von interner Prüfung und Rückzahlung von Fördermitteln, aber wie ernst die Lage war, das wussten sie bis Freitagabend nicht.

Die Lage ist sehr ernst. Vorstandsmitglieder hatten im Mai bei Prüfungen zur Vorbereitung einer Stiftungsgründung festgestellt, dass mit den Einnahme-Ausgaben-Abrechnungen etwas nicht stimmte. Womöglich seien Zuschüsse geflossen, die der Verein gar nicht hätte bekommen dürfen. Für die Finanzen zeichnet der erste Vorsitzende verantwortlich, Gründervater und SWR-Chefreporter Thomas Leif. Schon der Verdacht, nur einen Euro an öffentlichem Geld zu Unrecht bekommen zu haben, ist aber für einen Verein von hauptsächlich investigativ arbeitende Journalisten wie eine Leiche im Keller eines Politikers.

Nach den internen Warnungen beauftragte der zweite Vorsitzende Hans Leyendecker, Leiter des Ressorts Investigative Recherche bei der Süddeutschen Zeitung, am 7. Juni unabhängige Wirtschaftsprüfer, die Sache nachzurechnen. Der vorläufige Zwischenbericht der Kanzlei kam gut zwei Wochen später und deprimierte den Vorstand: Aller Wahrscheinlichkeit nach sind Zuschüsse für die NR-Jahrestreffen in einer Gesamtsumme von bis zu 75000 Euro, verteilt über vier Jahre, von der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) an Netzwerk Recherche geflossen, die nie hätten bezahlt werden dürfen. Denn die Behörde unterstützt solche Veranstaltungen nur dann, wenn diese Verlust machen. Ein Defizit haben die NR-Tagungen offenbar nie erwirtschaftet - in den Förderanträgen an die BPB aber ausgewiesen. Ausgefüllt hat die Anträge, in denen sich zwischen Ausgaben für die Jahrestreffen und den mit der Veranstaltung erzielten Einnahmen krasse Widersprüche verstecken, allein Leif. Und kaum geprüft hat offenbar die BPB. Leif verweist Nachfragen zur Sache inzwischen an die verbliebenen Vorständler.

"Gravierende Fehler" sind das für Leyendecker, "die die Glaubwürdigkeit eines Vereins wie Netzwerk Recherche erschüttern können." Tatsächlich sitzen die Netzwerker auf einem hohen Ross. Der Verein bündelt die Integrität all seiner mehr als 500 Mitglieder zu einer Institution der Moral, des Anstands und der Sauberkeit, die keine Mühe hat, wie am Samstag Günter Grass als Redner zu bekommen (seine Rede lesen Sie an diesem Montag in der SZ). Einmal im Jahr feiert der Verein mit einer schönen Journalismusmesse, dass er mit diesem Grundsatz der Aufrichtigkeit nicht nur überlebt, sondern wächst und gedeiht.

100 Euro zahlt, wer dabei sein will. Der NDR stellt schon fast traditionell die Räume, Sponsoren unterstützen das Ereignis. Wie zum Kirchentag pilgert der meist blutjunge Mediennachwuchs nach Hamburg und hört sich Podiumsdiskussionen der Größten dieser Branche an über Ethik und Haltung. Die NR-Jahrestagung ist Handwerksmesse und Ideenbörse gleichermaßen, und sie ist ein Zeichen: In Zeiten, in denen jeder "in die Medien" kommen kann, gelten für Journalisten nach wie vor Maßstäbe, die nicht jeder erfüllt.

Der Verein kann sich auch nur aus dem Wissen heraus, nicht angreifbar zu sein, angreifbar machen - indem er zum Beispiel die "verschlossene Auster" verleiht. Der Negativpreis für Nichtkommunikation ging diesmal an die vier großen Energiekonzerne Eon, EnBW, Vattenfall und RWE dafür, "dass sie kommunizieren wie der Teufel", wie SZ-Chefredaktionsmitglied Heribert Prantl in seiner Laudatio bemerkte: "Für gefährlich einseitige, marktmächtige Informationen, für die Verharmlosung von Gefahren, für exzessiven Lobbyismus". So sollte nur reden, wer sicher sein kann, einen über jeden Zweifel erhabenen Verein hinter sich zu wissen. Und nur dann besteht die Chance, dass solch ein Preis so ernst genommen wird, dass wie diesmal die Preisträger sogar erscheinen und sich stellen.

Bis Freitag schien auch Thomas Leif über jeden Zweifel erhaben. Manche sagten: Er "ist" der Verein, der Verein ist sein Lebenswerk. Niemand unter den Vorstandskollegen hatte die Absicht, ihm angesichts der Vorkommnisse seine Verdienste abzusprechen. Manche fragten sich selbstkritisch, ob sie nicht froh waren, dass Leif sich um alles alleine kümmerte. Ob sie ihn überfordert hatten. In einer schmerzhaften, siebenstündigen Krisensitzung eine Woche vor der Tagung einigte man sich auf eine Sprachregelung: Leif übernimmt die Verantwortung und scheidet aus dem Vorstand aus; die Fehler werden nicht en detail ausgebreitet. Die anstehenden Neuwahlen und die Stiftungsgründung werden verschoben.

Und so glaubte die Führung des Netzwerks Recherche, vor der Mitgliederversammlung alles Erdenkliche getan zu haben, um Schaden vom Verein abzuwenden: Unregelmäßigkeit selbst entdeckt, Wirtschaftsprüfer engagiert, Bundeszentrale für politische Bildung und Mitglieder informiert, alle Zuschüsse zurück überwiesen. Mehr geht nicht.Nun musste nur noch Leif die Käßmann machen und sich, dem hohen moralischen Anspruch an die Netzwerker beugend, zu seiner Schuld bekennen und gehen wie einst die Bischöfin. Stattdessen machte er den Kohl und stürzte die Versammlung durch Sturheit in Seelenqual wie einst der Altkanzler die CDU.

Weil Leif am Freitag in der Mitgliederversammlung die Worte Schuld und Rücktritt nicht über die Lippen brachte, trat vorübergehend der Restvorstand zurück. Plötzlich wurde eine Führungskrise offenbar. Aus dem geplanten Lehrstück für den Umgang mit einer Affäre wurde ein Lehrstück für die Unberechenbarkeit des Faktors Mensch. Leif, dessen autoritärer Führungsstil ihm schon den Spitznamen "Godfather" eingebracht hat, erfuhr überraschend Rückendeckung von den nur unzureichend informierten Mitgliedern. Plötzlich schien er bleiben zu wollen, gegen alle Absprachen. Emotionen verursachten Missverständnisse. Die Sitzung bekam Überlänge, die Band wollte spielen, der Sekt wurde schal. Aufklärer in Erklärungsnot. Schließlich kam doch, was beschlossen war: Leif scheidet aus, der Restvorstand bleibt bis zur Klärung und Neuwahlen vermutlich im Herbst geschäftsführend; Entlastung wird nicht erteilt.

Der künftige Vorstand wird den Verein umbauen müssen: Mehr Demokratie, mehr Transparenz und vor allem mehr interne Selbstkontrolle. Denn anscheinend sind auch die besten Journalisten doch nur Menschen.