Netflix und "A Christmas Prince" "Wer hat euch bloß so verletzt?"

Der Moment nach dem Makeover: Prinz Richard trifft auf Amber.

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"A Christmas Prince" heißt die Geschichte, von der einige Netflix-Abonnenten offenbar nicht genug bekommen. Und die den Streamingdienst zu überraschenden Tweets veranlasst.

Von Johanna Bruckner, New York

Normalerweise hält sich Netflix mit Informationen über seine Nutzer zurück. Insofern gleicht der Tweet, den der Streamingdienst vor Kurzem absetzte, einem kleinen Weihnachtswunder: "An alle 53 Personen, die sich in den vergangenen 18 Tagen jeden Tag 'A Christmas Prince' angeschaut haben: Wer hat euch bloß so verletzt?"

Diese Unternehmensmitteilung sorgte prompt für Reaktionen auf Twitter, die der Streamingdienst so wohl nicht beabsichtigt hatte: Während manche kritisierten, Netflix stelle seine Kunden mit diesem Tweet bloß, warfen andere Fragen nach dem Umgang des Unternehmens mit Nutzerdaten auf. Dass Netflix auswertet, wie Filme und Serien ankommen, um sein Programm darauf auszurichten, dürfte niemanden überraschen - es geht hier schließlich nicht um einen öffentlich-rechtlichen Sender, sondern um einen privaten Anbieter. Berechtigter ist da schon der Einwand, ob auch die Social-Media-Abteilung des Unternehmens Einsicht in diese Daten braucht.

Aber der Post ist nicht nur im Hinblick auf die sonstige Geheimniskrämerei bemerkenswert. Er ist auch deshalb interessant, weil er das durchaus überraschende, ästhetische Urteil zum Film gleich mitliefert, das da lautet: Es muss einem sehr schlecht gehen, wenn man sich diesen Film so oft antut. Nun wissen die Macher natürlich am besten, wie viel sie in ihr Werk investiert haben, geistig und monetär. Die Antwort lautet in beiden Fällen: wenig bis nichts.

Man ist geneigt, "A Christmas Prince" als "Sharknado" der Weihnachtsfilme zu bezeichnen, würde man damit Letzterem nicht unrecht tun. "Sharknado" mit seinen fliegenden Killerhaien hatte zumindest einen innovativen Plot. "A Christmas Prince" dagegen ist eine dreiste Mischung aus "Aschenputtel" und "Plötzlich Prinzessin" (wir erinnern uns: ein Zweiteiler, entstanden Anfang der 2000er, für den sich Anne Hathaway vermutlich heute noch ein bisschen schämt). Die Kitsch-Kopie wird auch nicht dadurch wertiger, dass in der Schlosskulisse Lichterketten hängen, die es ab 25 Euro im Baumarkt zu kaufen gibt.

"Where there's a tiara, there is dirt"

Aber, um nicht vorzugreifen, auch miserable Märchen beginnen schließlich so: Es war einmal ... eine junge ambitionierte Journalistin aus New York, die in einer Redaktion mit jeder Menge Hipster-Wohnaccessoires und geringen ethischen Standards arbeitet. Der Name der jungen Frau ist Amber, ihr zur Seite im harten Redaktionsalltag stehen - politisch korrekt - eine Afroamerikanerin und ein Schwuler. Als ihre Chefin sie beauftragt, über die anstehende Krönung des neuen Königs von Aldovia zu berichten, wittert Amber ihre Chance auf den journalistischen Durchbruch. Die Geschichte hat die nötige Fallhöhe: Der künftige König, Kronprinz Richard, soll ein unzuverlässiger Playboy sein.

Selbst wenn das am Ende alles böse Unterstellungen der Boulevardpresse sind, Ambers Kollegen-Freund findet beruhigende Worte: "Where there's a tiara, there is dirt." Frei übersetzt: Wo eine Krone ist, da sind auch Skandale, die man als aufstrebende Investigativreporterin ausschlachten kann.

Amber reist also nach Aldovia (das fiktive Königreich im Hathaway-Zweiteiler hieß im Übrigen Genovia). Und dann folgt das bekannte Narrativ: Junge, erfrischend unkonventionelle Amerikanerin trifft auf verkrustete royale Strukturen (verbildlicht wird dieser gar nicht mal so spannende Konflikt dadurch, dass Amber unter ihrem Ballkleid Turnschuhe trägt). Vermeintlicher Playboy-Prinz entpuppt sich als verletzlicher junger Mann (der lieber mit Waisenkindern im Schnee tollt, als zu seinen künftigen Untertanen zu sprechen). Mädchen aus dem Volk erobert das Herz des Royals, indem sie sich seiner jüngeren Schwester annimmt (die im Rollstuhl sitzt, kein Scherz).

Damit die Geschichte an dieser Stelle noch nicht zu Ende ist, haben die Macher weitere klassische Elemente eines royalen Märchens eingebaut: Das Böse scheint kurzzeitig zu triumphieren. Und das Mädchen aus dem Volk bekommt ein makeover. Das nötige Fachpersonal für eine solche optische Komplettveränderung ist in einem Palast natürlich vorhanden - man ist nur froh, dass Amber am Ende nicht mit der gleichen Frisur endet wie Königin und Kronprinz. Modell: toupierte Tolle.

Bleibt nur eine Frage offen

Nach diversen Enthüllungen und nachfolgenden Entschuldigungen, zwei misslungenen Krönungen und einer erfolgreichen Vereidigung sinkt der neue König von Aldovia schließlich vor einem New Yorker Diner auf die Knie und sagt: "A palace is a lonely place for a king - Kunstpause - without a queen."

So vorhersehbar der Plot sein mag, eine Frage bleibt offen: Warum wollten 53 Menschen so etwas 18 Mal hintereinander sehen? Sind es tatsächlich, wie Netflix nahelegt, von der Liebe Enttäuschte? Sind es all jene Untröstlichen, die nach der Verlobungs-Ankündigung des britischen Prinzen Harry eine neue Zukunftsperspektive entwickeln müssen und vorher noch ein bisschen prokrastinieren? Oder ist es gar der Mitarbeiterstab des Hochzeitspaares, der sich Anregungen holt, wie man die Geschichte eines Ex-Playboy-Prinzen und einer berufstätigen Amerikanerin am besten verkauft?

In diesem Falle sei ihnen gesagt: Ein 19. Mal wird keine neuen Erkenntnisse bringen. Aber Netflix kennt sich bestens mit PR aus, auch in kleineren Krisensituationen. Auf den Hinweis einer Nutzerin, man brauche sich um sie keine Sorgen zu machen, das Unternehmen sei schließlich nicht ihre Mutter, antwortete Netflix: "Ist in Ordnung, Schätzchen."

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