Netflix-Comedy-Special Scherz beiseite

Mit Gags über ihr Lesbischsein ist Hannah Gadsby bekannt geworden. Die schmerzhaften Erfahrungen verschwieg sie. In ihrem neuen Programm verbreitet sie schlechte Laune und rechnet mit der Comedy-Welt ab.

Von Luise Checchin

Wenn man eine Comedy-Show nach der Zahl der Lacher bewertet, ist Hannah Gadsbys Nanette gefloppt. In großen Teilen ihres aktuellen Programms sitzt das Publikum nur noch betroffen schweigend im Saal. Trotzdem gibt es im englischsprachigen Raum derzeit kaum eine Komikerin, die solche Begeisterung hervorruft. Die New York Times nannte die Australierin "eine bedeutende neue Stimme" in der Stand-up-Landschaft, Gadsby erhielt mehrere Preise für Nanette, und Netflix hat daraus ein gut einstündiges "Comedy-Special" gemacht.

Gadsby wird für etwas gefeiert, das man Anti-Comedy nennen könnte. Gegen Ende der Show schreit sie nur noch ihre Wut heraus, Tränen stehen ihr in den Augen. Menschen wird hier die Laune verdorben und sie bedanken sich dafür mit Standing Ovations. Was ist da los?

Alles fängt harmlos an. Gadsby erzählt, wie es für sie als lesbische Frau war, im erzkonservativen Tasmanien groß zu werden. Heiter und selbstironisch erzählt sie etwa die Anekdote von dem Typen, der sie einmal an der Bushaltestelle verprügeln wollte, weil er sie für einen Mann hielt, der seine Freundin anmachte, dann aber von ihr abließ, als er merkte, dass er es mit einer Frau zu tun hatte ("Frauen schlage ich nicht"). Es folgen Witze über Gender-Fragen, verunsicherte Männer und humorlose Lesben. Fröhlich dahinplätschernde Unterhaltung - ein bisschen kritisch, ziemlich lässig und sehr lustig.

Aber dann, gegen Minute 28, wechselt die Tonart. Statt der Gegenwart zerlegt Gadsby plötzlich den Witz in seine Einzelteile. Ein Witz, erklärt Gadsby ihr Handwerk, besteht aus zwei Teilen: einer Vorlage und einer Pointe. Als Komikerin baue sie also Spannung auf, nur um sie dann wieder abzubauen. Gadsbys Problem: Dem Witz fehlt der beste Teil. Das Ende. Ein Ende bietet Erkenntnis, womöglich gar Erlösung. Eine Geschichte ist für Gadsby eine reife Form, der Witz ist in der Pubertät stecken geblieben.

Hannah Gadsby ist überzeugt: Die Witze über ihr Coming-Out haben ihre Traumata konserviert.

(Foto: Netflix)

Was aber macht das mit den Inhalten der Witze und was mit denen, die sie erzählen? Gadsby illustriert es an sich selbst. Mit all den Witzen über ihr Coming-out habe sie ihre Traumata festgehalten und mit Humor konserviert. Anstatt sie zu befreien, hätten ihre Witze sie in einem ungesunden Kreislauf festgehalten: "Pointen brauchen Traumata, weil Pointen Spannung brauchen. Und Spannung nährt das Trauma." Doch damit sei es nun vorbei, sie müsse endlich die ganze, die richtige Geschichte erzählen. Und das tut Gadsby dann auch.

Die Geschichte von dem Schlägertypen zum Beispiel, der sie zunächst für einen Mann gehalten hatte, ging in Wahrheit noch weiter. Als der Typ nämlich merkte, dass sie lesbisch war, änderte er seine Meinung und verprügelte sie. Niemand kam ihr zu Hilfe und sie traute sich damals im homophoben Tasmanien noch nicht einmal, den Täter anzuzeigen. Aber weil sich dieses Ende der Geschichte schwerlich für eine Pointe eignete, verschwieg Gadsby es bisher in ihren Shows. Genau wie die Tatsache, dass sie als Kind missbraucht und als junge Frau vergewaltigt wurde. Der Effekt dieser Offenbarungen ist befremdlich. Man ist betroffen, natürlich. Aber schnell stellt sich auch ein Unwohlsein ein. Im allgemeinen gilt die Regel, dass eine Person, die über eine erlittene Erniedrigung Witze reißt, sich über eben jene Erniedrigung erhebt. Gadsby aber gibt den Schmerz an das Publikum weiter - und lässt ihn dort.

Für Gadsby steht das eigene Schicksal stellvertretend für ein grundsätzliches Comedy-Versagen. Komiker erheben gemeinhin den Anspruch, dass sie gesellschaftliche Themen kritisch angehen, die Mächtigen ärgern und den Ohnmächtigen eine Stimme geben. Von wegen, findet Gadsby und illustriert das an den Themen sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch.

Die Comedy scheitert laut Gadsby nicht nur, weil es ihr an den passenden Formen fehlt. Sie versagt ihrer Meinung nach auch, weil noch immer mehrheitlich Männer öffentlich Witze erzählen. So kam es etwa, dass sich US-Komiker im Zuge des Clinton-Lewinsky-Skandals auf die Praktikantin als Objekt ihres Spottes konzentrierten. "Hätten Comedians ihren Job anständig gemacht", donnert Gadsby ins Mikrofon, "und über den Mann gescherzt, der seine Macht missbrauchte, dann hätten wir jetzt vielleicht eine Frau mit einem gewissen Maß an Erfahrung im Weißen Haus sitzen - anstatt eines Mannes, der öffentlich zugegeben hat, Frauen sexuell zu belästigen."

Man muss nicht allen Aussagen Gadsbys zustimmen, um ihre Show bemerkenswert zu finden. Natürlich ist ihre Comedy-Kritik polemisch. Auch vor Gadsby gab es Komiker und Komikerinnen, die die Zweier-Struktur von Witzen unterlaufen und ihr Publikum irritiert haben. Der Comedy-Outcast Lenny Bruce etwa, der eine tieftraurige Nummer über Einsamkeit einbaute. Oder die derzeit ebenfalls gefeierte Tig Notaro, die nach ihrer Brustkrebserkrankung eine Show mit nacktem Oberkörper spielte und dafür bekannt ist, eine Pointe so lange hinauszuzögern, bis man vergisst, dass man überhaupt auf sie gewartet hat.

Gadsby aber verschiebt mit Nanette die Grenze dessen, was Comedy sein kann, etwas weiter an die Ränder der Vorstellungskraft, hin zu anderen Themen und anderen Arten, sie zu behandeln. Sie hätte der Comedy-Welt keinen besseren Dienst erweisen können als damit, das Publikum nicht zum Lachen, sondern zum Schweigen zu bringen.

Nanette, bei Netflix.