Nazi-Vergleich Broder entschuldigt sich halbherzig bei Augstein

"Das war vollends daneben": In der unsäglichen Auseinandersetzung um vorgeblichen Antisemitismus des Journalisten Jakob Augstein nimmt der Berliner Publizist Henryk M. Broder ein wenig Schaum vom Mund. Allerdings wirklich nur ein wenig.

Der Berliner Publizist Henryk M. Broder hat sich für Äußerungen über seinen Journalisten-Kollegen Jakob Augstein im Zusammenhang mit Antisemitismusvorwürfen entschuldigt. Zumindest ein wenig. In einem bei Welt Online veröffentlichten Artikel nahm Broder einen Vergleich Augsteins mit dem nationalsozialistischen Politiker Julius Streicher zurück. Sein lapidarer Kommentar: "Das war vollends daneben."

"Jakob Augstein ist weder ein kleiner noch ein großer Streicher, er verlegt nicht den Stürmer, sondern den Freitag, er ist verantwortlich für das, was er heute macht, und nicht für das, was er in einem anderen Leben möglicherweise gemacht oder nicht gemacht hätte." Er habe solche Dramatisierungen bei anderen immer kritisiert, schreibt Broder. "Und nun bin ich in dieselbe Falle getappt. Dafür entschuldige ich mich. Und nur dafür."

Broder hatte Augstein als "kleinen Streicher von nebenan" bezeichnet, "der nur Dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen ist, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen".

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in den USA hatte Augstein kürzlich auch auf Hinweis Broders auf seine Liste der zehn schlimmsten Antisemiten der Welt gesetzt. Das Zentrum hat seine Vorwürfe gegen den Verleger inzwischen differenziert und betont, dass Augstein sich kritisch über Israel äußere, heiße nicht, dass er Juden hasse. Er bleibt dennoch auf der Liste.

Das amerikanische Simon-Wiesenthal-Zentrum hatte Augstein auch unter Hinweis auf Äußerungen Broders auf ihre Liste gesetzt. Inzwischen hat auch das Zentrum diesen Vorwurf differenziert. In einer Rangliste des Zentrums seien israelkritische Äußerungen Augsteins zu den zehn schlimmsten weltweit gezählt worden - das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei. "Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten", stellte der für die Liste mitverantwortliche Rabbi Abraham Cooper klar.

Graumann: Augstein ist kaltherzig

Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, wirft Augstein in einem Streitgespräch über Antisemitismus in dem Magazin Der Spiegel vor, "kaltherzig" über Israel zu schreiben. Augstein verteidigt sich dagegen: Er kritisiere nur die Siedlungspolitik von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Dem hält Graumann entgegen, dass Augstein das jüdische Trauma nicht begreife, "das alle Juden weltweit haben. Wir werden uns nie wieder der Gefahr der Vernichtung aussetzen". Es gehe außerdem nicht darum "ob man in Deutschland israelische Politik kritisieren darf", die Frage sei vielmehr, "wo diese Kritik obsessiv und feindselig wird, wo sie von sachlichen Argumenten abweicht, wo sie verantwortungslos wird. Da überschreitet Herr Augstein laufend Grenzen". Er begünstige "antijüdisches Ressentiment".

"Mir kommt es vor wie die Instrumentalisierung eines schweren Vorwurfs. Es geht nicht um mich, es geht darum, Debattenverläufen den Riegel vorzuschieben", heißt es in der Antwort Augsteins. "Ich schreibe böswilliger über die SPD als über Israel."