Nagasaki-Doku Neuer Blick auf altes Leid

Am 9. August 1945 warfen US-Bomber eine Atombombe auf Nagasaki mi Süden Japans. In der Doku Nagasaki - Warum fiel die zweite Bombe? kommen Überlebende der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki zu Wort.

(Foto: AP)

72 Stunden nach dem Atombombenabwurf über Hiroshima fiel die zweite Bombe auf Nagasaki. Eine Doku zum 70. Jahrestag fragt: Warum?

Von Patrick Illinger

Wie viel Kraft muss in Menschen stecken, die solches Leid als Kinder erlebt haben und heute vor einer Kamera darüber sprechen können? Wie viel Selbstbeherrschung muss in ihnen wohnen, dass sie ihre Wut nicht einfach hinausschreien? Stattdessen tupfen sie die eigenen Tränen, fast peinlich berührt, mit einem winzigen Taschentuch ab. In seiner 45-minütigen Doku Nagasaki - Warum fiel die zweite Bombe? lässt Grimme-Preisträger Klaus Scherer Überlebender der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki zu Wort kommen. Es sind ergreifende Begegnungen, mit Sakue Shimohira zum Beispiel, die als Kind ihre Mutter zunächst nicht fand und ihre Leiche schließlich nur noch an der verbrannten Augenpartie erkannte, und deren Schwester sich später, so wie viele der Atom-Waisen, vor einen Zug warf.

Scherer zeigt die bereits tausendfach beleuchteten, dokumentierten, analysierten Vorgänge in neuen, anrührenden Blickwinkeln. Eine penible historische Analyse, welche der Titel vermuten lässt, ist der Film allerdings nicht. Dafür werden dann doch zu viele unterschiedliche Aspekte angeschnitten, manche davon vielleicht unnötigerweise. Die Geheimnistuerei beim US-Atomprogramm in Los Alamos böte zum Beispiel Stoff für einen separaten Film, das Ausmaß der Zerstörung in Hiroshima ist allzu oft reportiert worden, und die unterschiedliche Technik der beiden Bomben, die eine auf Uran basierend, die andere auf Plutonium - all das lenkt ab von der historisch brisanten Frage: Warum war der zweite Schlag noch nötig?

Klaus Scherer führt zwar auch zu diesem Komplex wertvolle Zeugen an, kenntnisreiche Historiker, doch bleibt die Argumentationskette nicht stringent. Vieles wird insinuiert, aber nicht weiter verfolgt. Wollten die Amerikaner, womöglich auf Drängen der Atomphysiker, unbedingt beide Bombenvarianten testen? War es überhaupt nur ein riesiges Experiment? Oder war es der politische Ehrgeiz, die Japaner zu besiegen, bevor die Sowjetunion in den Pazifikkrieg eintreten würde und man sich den Sieg, so wie den über Nazideutschland, mit den Kommunisten teilen müsste?

Die Atomtests haben Thriller- Potenzial wie die Kuba-Krise

Die unausweichliche Frage, ob es bereits nach der Bombe von Hiroshima, in den drei Tagen zwischen den Abwürfen, nicht zu einem Friedensschluss hätte kommen können, wird erst in der Mitte des Films angesprochen. Dabei böten die politischen Abläufe in den 72 Stunden zwischen Hiroshima und Nagasaki ähnlich viel Thriller-Potenzial wie die Kuba-Krise 1962. Wann gab Truman welche Befehle, und wann genau tagte der japanische Kriegsrat? Das Geschehen war zudem umrankt von einer irrwitzigen Konstellation der Weltmächte: Die USA hatten Josef Stalin zunächst zum Kriegseintritt angestachelt, wollten ihn aber nach dem ersten Atombombentest dann doch heraushalten. Stalin war insgeheim jedoch zum Waffengang entschlossen. Und ausgerechnet diesen Stalin baten die Japaner um Vermittlung. Rätselhaft bleibt auch die mysteriöse Volte des US-Präsidenten Truman, der angeblich zunächst keine Zivilisten angreifen wollte, und sich später über den "Erfolg" der Bombe auf fast kindische Weise freute.

All das, gepaart mit einer plastischen, journalistisch höchst gelungenen Darstellung dessen, was Atombomben anrichten, ist vielleicht zu viel für 45 Minuten. Aber dass Waffen gebaut werden, um sie zu benutzen, dass diese Logik im August 1945 grausamer denn je zugeschlagen hat, das macht die NDR-Dokumentation von Klaus Scherer anschaulicher als mancher Oscar-gekrönte Spielfilm.

Nagasaki - Warum fiel die zweite Bombe?, 23.45 Uhr, ARD.

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