TV-Kritik "Expedition Familie" "Super Nanny" in neuer Mission

Fragen stellen, zuhören, nicken: Ex-"Super Nanny" Katharina Saalfrank sucht in "Expedition Familie" nach einem Zusammenleben der Generationen.

(Foto: obs)

Früher schickte sie als RTL-"Super Nanny" Kinder auf die stille Treppe - jetzt sucht Katharina Saalfrank in "Expedition Familie" nach dem idealen Zusammenleben zwischen den Generationen. Ohne dramatische Effekte geht aber auch das nicht.

Eine TV-Kritik von Vanessa Steinmetz

"Jetzt reicht's" schreit die genervte Mutter und zerrt ihr brüllendes und um sich tretendes Kind an den Handgelenken über den Küchenboden. Die RTL-"Super Nanny" Katharina Saalfrank beobachtet das Ganze, stößt einen Seufzer aus. Dann fragt sie den kleinen Bruder, der ungerührt am Rand des ohrenbetäubenden Geschehens steht: "Ist das bei euch immer so?" Der Junge nickt. In einem Einspieler wird vorher noch die Mutter gezeigt, die davon berichtet, ihre Kinder auch schon einmal mit einem Stock geschlagen zu haben. "Das ist nur noch grauenvoll", urteilt hinterher die Pädagogin.

Szenenwechsel. Wieder steht Katharina "Katia" Saalfrank in einer Küche, diesmal allerdings im Hotel der Familie Krepp. Dort leben und arbeiten vier Generationen unter einem Dach. Aber anders als die Mutter mit ihren drei Söhnen aus der Plattenbausiedlung haben hier alle genug Platz, um sich auch mal aus dem Weg zu gehen. Statt nervenzerfetzenden Rangeleien zwischen Eltern und Heranwachsenden herrscht einhellige Harmonie. Um das Nesthäkchen, die kleine Leonie, kümmern sich wahlweise Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern. Nur einmal, da benutzt auch die kleine Leonie ein böses Wort. "Donnerwetter" sagt sie - und lacht. An die Fäkalsprache aus der Plattenbau-Familie reicht sie damit freilich nicht ran.

Familienidyll statt Problemeltern, gemeinsame Kaffeekränzchen statt Eskalation: Saalfrank präsentiert in der Pilotfolge von "Expedition Familie", die am Mittwoch beim Südwestrundfunk (SWR) ausgestrahlt wurde, den Gegenentwurf zur "Super Nanny" bei RTL - und vollzieht damit einen klaren Imagewechsel. Während sie früher beim Kölner Privatsenders Kinder auf die stille Treppe gesetzt hat, versucht sie nun im seriösen Umfeld in der Rolle einer Reporterin der Frage nachzugehen: Wie wollen wir im Alter leben?

Dafür reist sie nicht nur zur Familie Krepp sondern begleitet auch die Stöferles aus Karlsruhe, die den demenzkranken Großvater nach einem Sturz in ein Pflegeheim gebracht haben - und sich nun mit Schuldgefühlen quälen. Nicht die Verwahrlosung oder Verrohung wird hier gezeigt, sondern wie Familien zusammenrücken und versuchen, füreinander da zu sein. Auf der Suche nach einem Zusammenleben im Alter landet Saalfrank schließlich noch in einer Wohngemeinschaft, in der 13 Menschen im Alter zwischen 56 und 94 Jahren zusammenleben. Alles höchst harmonisch, versteht sich. Saalfranks Part: Fragen stellen, zuhören, nicken.

Soufflieren und Poster basteln

Auch für ihre RTL-Doku-Reihe reiste sie sieben Jahre lang zu Familien, die aber offensichtlich schon mit dem gemeinsamen Alltag völlig überfordert waren. Beschimpfungen, Schläge, Ausraster schienen bei vielen an der Tagesordnung, und Saalfrank sollte es mit ihrer ruhigen, zupackenden Art richten. Dafür spielte sie nicht nur über einen Ohrstecker Souffleuse für die Erziehungsberechtigten, sondern bastelte ebenso unermüdlich mit den Eltern Flipcharts oder Poster, mit denen sie auch die Bedürfnisse der Kinder ins Bewusstsein bringen wollte.

Die Abkehr vom pseudowissenschaftlichen Anstrich des Privatsender-Formats ist wenig verwunderlich. Das Aus der "Super Nanny" im November 2011 wurde von einem Zwist zwischen Saalfrank und dem Sender begleitet. In einer Mail an RTL-Mitarbeiter beschwerte sich Saalfrank über Eingriffe in ihre pädagogische Arbeit. Ein Sprecher des Senders konterte, es sei schade, dass sie sich "auf den letzten Metern" von einem Format distanzieren wolle, an dem sie entscheidend mitgewirkt habe.

Ein Grund für die Abkehr dürfte die Diskussion um eine Folge gewesen sein, die im Mai 2010 ausgestrahlt wurde. Darin ist zu sehen, wie eine Mutter ihre fünfjährige Tochter schlägt. Die Kameras halten drauf, niemand aus Saalfranks TV-Team geht dazwischen. Die Kommission für Jugendmedienschutz sah dadurch die Menschenwürde verletzt und verhängte ein Bußgeld gegen RTL über insgesamt 30.000 Euro. Die Reputation der Diplom-Pädagogin litt dementsprechend.

Das soll sich beim SWR nun wieder einrenken. Ihre Fachkompetenz kann der vierfachen Mutter nicht abgesprochen werden. Bevor es 2004 für sie zu RTL ging, arbeitete sie in einer Beratungsstelle, was sie in Interviews gerne betont. Trotzdem fragt man sich als Zuschauer von "Expedition Familie" nach 45 Minuten: Warum muss überhaupt eine Pädagogin durch die Sendung führen, in der es keine Probleme zu lösen gilt, sondern eher Idealbilder des Zusammenlebens transportiert werden?

Saalfrank, die als "Familien-Expertin" eingeführt wird, fühlt sich in der neuen Rolle sichtlich wohl; zwar hat sie sich äußerlich kaum verändert, trägt immer noch die langen, dunklen Haare und markanten Augenbrauen. Trotzdem wirkt sie gelöster, wenn sie mit der kleinen Leonie lacht oder am Kaffeetisch die starre Körperhaltung aufgibt, statt wie früher Stoßseufzer abzugeben und weinende Kinder zu trösten.

Weinende Familienmitglieder in Großaufnahme

Und dann gibt es ihn doch, den Moment, in dem die Kameras bei "Expedition Familie" länger draufhalten, als es pietätvoll gewesen wäre. Noch während das SWR-Team im Pflegeheim von Opa Stöferle dreht, bekommt dieser einen Herzanfall. Der Zuschauer sieht den alten Mann von hinten durch eine Glasscheibe, sieht die Rettungssanitäter, die sich um ihn kümmern. Auch die weinenden Familienmitglieder werden gezeigt, teilweise in Großaufnahme. Kurz darauf ist Johannes Stöferle tot. Acht Wochen später besucht Saalfrank die Familie wieder - doch hätte man den Enkeln und Töchtern wenigstens diese Nachdrehe gerne erspart, in der wieder mehrfach die schmerzhaften Schuldgefühle über die Heimeinweisung angesprochen werden.