Nachruf Immer auf der Jagd

Der Münchner Fotoreporter Reto Zimpel ist tot. Er wollte immer der Erste sein, der ein Bild hatte, und am liebsten der Einzige. Um das zu schaffen, konnte er beharrlich sein und stur - und ausdauernder als die meisten anderen. Zimpel war ein Forschender, Suchender.

Von Wolfgang Krach

Ein Foto, auf das er besonders stolz war, war das von Ludwig-Holger Pfahls. Der ehemalige Rüstungsstaatssekretär und Verfassungsschutz-Chef, Schlüsselfigur der CDU-Parteispendenaffäre von Helmut Kohl, war im Juli 2004 in Paris verhaftet worden - nach fünf Jahren Flucht. Alle wollten wissen: Wie sieht der Mann jetzt aus, den Zielfahnder des Bundeskriminalamts in der halben Welt gesucht hatten? Das Bild, das das Geheimnis schließlich lüftete, kam von Reto Zimpel. Der Münchner Fotograf schoss es bei einem Hofspaziergang Pfahls' im Pariser Gefängnis La Santé. Es landete in vielen Blättern, am 18. November 2004 auch auf Seite eins der Süddeutschen Zeitung.

Wie er an das Foto kam, das sagt viel über die Arbeit und das Selbstverständnis Reto Zimpels. Zimpel mietete sich in einer Wohnung gegenüber dem Gefängnis ein, bei einer Familie mit drei Kindern. Tagelang lag er auf der Lauer und beobachtete den Gefängnishof - bis plötzlich ein Sondereinsatzkommando der Polizei die Wohnung stürmte und Zimpel vorübergehend festnahm. Die Beamten waren misstrauisch geworden, weil neben Pfahls auch mehrere Terrorverdächtige in dem Gefängnis einsaßen. In Zimpel vermuteten sie offenbar einen Helfer, der die mutmaßlichen Al-Qaida-Leute befreien wolle. Zimpel wurde nahegelegt, Frankreich zu verlassen - was dieser tat, aber nur, um wenige Tage später wiederzukommen und sich abermals in derselben Wohnung einzuquartieren. So glückte ihm am Ende der Schnappschuss.

Zimpel war ein Forschender, Suchender, stets auf der Jagd. Er wollte der Erste sein, der ein Bild hatte, und am liebsten der Einzige. Um das zu schaffen, konnte er beharrlich sein und stur - und ausdauernder als die meisten anderen.

1962 im schweizerischen Chur gebo-ren, wuchs Zimpel am Flüelapass auf und besuchte in Klosters die Grundschule. Ins Gymnasium kam er dann nach Gauting im Kreis Starnberg, weil sein Vater als Geografieprofessor an die Universität München berufen wurde. Als er selbst, von 1983 bis 1987, in München Philosophie und Kunstgeschichte studierte, saß Zimpel schon mit Eurosignal-Piepser in Vorlesungen und Seminaren, um erreichbar zu sein, wenn ihn jemand für einen Bildauftrag gewinnen wollte.

Seine Begeisterung für die Fotografie hatte er bei der Münchner Abendzeitung entwickelt, wo ihn der langjährige Bild-Chef Guido Krzikowski entdeckte und förderte. Für die feste Arbeit in einer Redaktion war Zimpel aber kaum zu gebrauchen. Zimpel war stets ein Freigeist, einer, der sich möglichst wenig vorschreiben lassen wollte, einer, der sich selbst die Wege suchte, auf denen er an sein Ziel gelangte. Er ließ sich deshalb nicht anstellen, sondern zog als Fotoreporter meist allein los. Oft brachte er aufregende Geschichten mit - nicht nur Bilder.

Die großen Redaktionen der Republik heuerten ihn gerne an, wenn sie Exklusives haben wollten. Für den Stern spürte Zimpel den im Juni verstorbenen Alexander Schalck-Golodkowski, den einstigen Devisenbeschaffer der DDR, 1990 am Tegernsee auf. Focus entsandte ihn in den 90er-Jahren auf den Balkan, um über den Kosovo-Krieg zu berichten. Der Spiegel schickte ihn nach Saint-Tropez, auf die Spuren des einstigen Karstadt-Quelle-Chefs Thomas Middelhoff.

Mit seinem eigenen Beruf und etlichen Journalistenkollegen haderte Zimpel in den vergangenen Jahren zusehends. Ihn ärgerte, dass in Redaktionen, als Folge des Spardrucks, das Bewusstsein für den Wert guter Bilder, die auch etwas kosteten, nachließ. Weil er selbst von dieser Entwicklung betroffen war, verlegte sich Zimpel, der eigentlich am liebsten in Politik und Wirtschaft unterwegs war, zeitweise auf das Fotografieren Prominenter. Die waren dann vornehmlich in Bild und Bunte zu sehen. Für Fotos von Roman Polanski im Hausarrest, Jörg Kachelmann in Kanada oder Lothar Matthäus mit neuer Liebe auf Zypern gab es dort noch immer ordentliche Honorare.

Als in Ägypten Anfang 2011 der Arabische Frühling ausbrach, flog Zimpel nach Kairo. Seine Bilder vom Aufstand gegen Hosni Mubarak wurden international gedruckt, ihr Erlös deckte aber gerade mal die Reisekosten. Für Zimpel ein trauriger Beleg dafür, wie der Wert des ernsthaften politischen Foto-Journalismus sich schon damals zulasten des Gratis-Journalismus im Internet verändert hatte.

Im Dezember 2013 entdeckten Ärzte bei Zimpel einen äußerst seltenen, aggressiven Tumor. Zimpel versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und arbeitete weiter. Noch diesen August flog er nach Kos, um sich selbst ein Bild von der Situation der Flüchtlinge dort zu machen. Im Oktober wollte er sich einen Traum erfüllen, den er sich - als einer, der Dutzende Länder bereist hatte - bis zuletzt aufgehoben hatte: New York. Doch Zimpel schaffte es nicht mehr, die Freiheitsstatue zu sehen. Er war zu schwach.

Zimpel konnte schonungslos zu anderen sein, war es aber auch zu sich selbst. Gezeichnet von einer Chemotherapie, wusste er nach Absage der New-York-Reise, dass er nicht mehr lange zu leben hätte. Er starb, 53 Jahre alt, am Dienstagabend in Zürich.