Nachlese zum Kieler "Tatort" Borowski und die Albtraum-Insel

Inselidylle geht anders: Kommissar Borowski am Strand im neuen Kieler "Tatort".

(Foto: dpa)

Der Kieler Kommissar findet sich auf einer Nordseeinsel wieder, wo jeder etwas verbirgt und Schweine ihre Besitzer auffressen. Ein angenehm düsterer "Tatort", der allerdings an seiner Protagonistin krankt.

Von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

Nordseeluft scheint doch nicht so gesund zu sein wie gedacht. Auf der fiktiven Insel Suunholt zumindest, die der Schauplatz dieses Tatorts ist, fressen Schweine ihre Besitzer auf und fanatische Christen beherbergen tote Männer in ihren Betten. Vielleicht dann doch besser an die Mecklenburgische Seenplatte fahren diesen Sommer.

Darum geht es:

Die Kollegin Sarah Brandt ist weg, und die Tatort-Macher scheinen gedacht zu haben, Borowski bräuchte nach dieser Trennung etwas Abstand vom eigenen Leben. In "Borowski und das Land zwischen den Meeren" wird der Kommissar auf eine kleine Insel im nordfriesischen Wattenmeer geschickt. Dort ist ein Mann von seiner Freundin tot in der Badewanne aufgefunden worden. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Toten um Oliver Teuber, ein Kieler Bauamtsmitarbeiter, der nach Korruptionsvorwürfen verschwunden war und auf der Insel ein neues Leben begonnen hatte. Verdächtige gibt es einige für den Mord, der Gemütszustand der Inselbewohner variiert zwischen halbirre und irre. Irgendwie scheint diese Stimmung auch auf Borowski abzufärben, denn er bändelt entgegen aller polizeilichen Vorschriften mit der Freundin des Toten an.

Ganz allein geht es auch nicht

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Bezeichnender Dialog:

Weil er im Fall nicht weiterkommt, ruft Borowski seinen Vorgesetzen Roland Schladitz auf die Insel. So richtig hilfreich ist Schladitz freilich nicht, Borowski monologisiert ja ohnehin in einem fort.

Borowski (redet wie zu sich selbst): Ich hatte keinen Sex mit ihr, ich hab' nicht mit ihr geschlafen, nein, nein. Aber wir sind uns nahegekommen.

Schladitz: Mhh.

Borowski: Na, jetzt lenk nicht ab, Roland.

Schladitz: Ja ja, okay.

Borowski: Ich habe ein Problem.

Schladitz: Meinst du das jetzt persönlich?

Borowski (hebt abwehrend die Hände): Der Mord an Teuber ...

Top:

Dieser Tatort lebt weniger von der Handlung als von seiner düsteren Stimmung. Die Insel Suunholt ist bevölkert von allerlei Figuren, die fleißig etwas verbergen. Immer hat ihr Geheimnis in irgendeiner Weise mit einer problematisierten Sexualität zu tun. Da ist der Dorfbäcker, der seine Frau betrügt, der Bauer, der eine illegale Prostituierte in seinem Wohnwagen versteckt, die christliche Fundamentalistin mit dem nichtehelichen Sohn (man vermutet den promiskuitiven Bäcker als Vater), die einem Ulrich-Seidl-Film entsprungen zu sein scheint.

Die rätselhafte Atmosphäre findet sich auch in der kargen, sturmverwehten Insellandschaft wieder, in Borowskis surrealen Träumen und nicht zuletzt in den Kunstwerken, die immer wieder auftauchen und mit Motiven des Mordfalls verschmelzen: Theodor Storms Novelle "Eine Halligfahrt", ein apokalyptisches Gemälde von Schweinen, die im Meer ertrinken, Brechts Liebesgedicht "Erinnerung an die Marie A." Dem Film gelingt es, all diese Elemente kunstvoll miteinander zu verweben und dabei immer wieder etwas schwarzen Humor durchscheinen zu lassen.

Flop:

Im Zentrum von "Borowski und das Land zwischen den Meeren" steht Famke Oejen, die Freundin des Toten aus der Badewanne. Christiane Paul spielt sie eindrücklich, aber auch sie vermag nicht davon abzulenken, dass ihre Figur einige Probleme aufwirft. Oejen ist eine Außenseiterin, sie ist schön, selbstbewusst und wohl die Einzige auf der Insel, die offen und freizügig mit ihrer Sexualität umgeht. Sie hatte schon mit einigen Dorfbewohnern Affären, auch mit Kommissar Borowski verbringt sie eine Nacht und schließlich stellt sich heraus, dass es Oejen war, die ihren Freund getötet hat - beim Sex in der Badewanne.

Die eine, wohlwollende Lesart dieser Figur wäre nun, dass hier fortschrittlicherweise mal eine Frau die Böse sein darf (sie tötet aus Eifersucht) und dass diese Frau noch dazu eine selbstbestimmte Sexualität ausleben darf. Das Problem ist nur, dass der Blick, mit dem auf Oejen geschaut wird, ein recht oberflächlicher ist. Ihre Motive oder Gedanken bleiben unterbelichtet, stattdessen sieht man immer wieder Flashbacks, wie sie bei schummrigem Licht mit ihrem Freund schläft oder Szenen, in denen sie sich mit Borowski im Bett räkelt. Am Ende scheint sich dieser Tatort doch mehr für das Klischee der männermordenden Femme fatale interessiert zu haben, als für die Ambivalenz seiner Protagonistin.

Die Pointe:

Am Morgen nach ihrem Geständnis ist Oejen verschwunden, Borowski wacht allein in ihrem Bett auf. Kurz sieht es so aus, als hätten Oejens Verführungskünste Borowskis Ermittlerambitionen völlig außer Kraft gesetzt. Doch der Kommissar erholt sich schnell. Er findet Oejen in einer Kieler Vorstadtsiedlung, sie hatte der kleinen Tochter ihres toten Freundes einen letzten Gruß vom Vater bringen wollen. So friedlich, wie sie da auf der Bank in der Mittagssonne sitzt, könnte man fast meinen, alles, was davor geschehen ist, war ein einziger schlechter Traum.

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