Nachlese zum Hessen-"Tatort" Ins Hirn gebrannt

Einst Freunde: Richard Harloff (Ulrich Matthes, links) und Felix Murot (Ulrich Tukur).

(Foto: HR/Philip Sichler)

Sie wollen mitreden über den "Tatort"? Hier erfahren Sie, wie aus Freunden Feinde werden und warum auch Quentin Tarantino den Fall mögen würde. Die "Tatort"-Nachlese - mit den besten Zuschauerkommentaren.

Von Matthias Kohlmaier

Darum geht's:

Wiedersehen macht im neuen Tatort mit Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) nur sehr kurzzeitig Freude: Richard Harloff, ehemals Klassenkamerad Murots auf der Polizeischule und nach seinem Rausschmiss jahrzehntelang Drogenbaron in Bolivien, ist wieder im Land. Der Mann plant mithilfe seines Sohnes einen Rachefeldzug, von dem Murot erst spät merkt, wem er eigentlich gilt.

Lesen Sie hier die Rezension von SZ-Tatort-Kritiker Holger Gertz:

Eine Zumutung? Ein Geschenk!

Ulrich Tukur gegen Ulrich Matthes, Gut gegen Böse, Askese gegen Pausbäckigkeit: Dieser "Tatort" ist eine Inszenierung voller Präzision. Manchmal wird die wilde Reise durch die Geschichte dennoch kurz unterbrochen. Von Holger Gertz mehr ... Kolumne

Bezeichnender Dialog:

Harloff hat wieder einen Mann ermorden lassen, Kommissar Murot kann ihm keine Beteiligung nachweisen, sucht aber dennoch die Konfrontation. Fast Nase an Nase stehen sich die beiden Männer gegenüber.

Murot: Wenn du mich verscheißern willst, dann tu nicht so, als wärst du mein Freund.

Harloff: So sind doch Freunde. Wir haben uns doch immer gegenseitig gefoppt. Unsere Art von Freundschaft hätte jederzeit eskalieren können.

Murot: Die ist längst eskaliert!

Harloff: Noch nicht.

Die beste Szene:

Wo soll man anfangen bei einem Film, der so viele sich ins Hirn brennende Einstellungen bereithält? Bei einer der Rückblenden in das frühere, das glückliche Leben von Murot und Harloff? Bei einer der grandiosen Szenen, wo Film und Theater und Oper plötzlich eins werden? Kaum adäquat zu beschreiben ist die Sequenz, wo in wenigen Minuten Dutzende Menschen sterben, die Momente aber nicht stupide (siehe Til-Schweiger-Geballer im NDR-Tatort-Ableger) abgespult, sondern in Gemälden eingefangen werden. Unterlegt mit einem berückend-schweren Instrumental, abgeschlossen mit einem harten Schnitt in die nächste, die finale Szene dieses Fernsehspiels.

Die besten Zuschauerkommentare:

Top:

Herrlich ist die musikalische Untermalung von "Im Schmerz geboren", das HR-Sinfonieorchester hat eigens dafür neun Stücke neu aufgenommen, die den ihnen beigeordneten Bildern eine unglaubliche Wucht verleihen. Keinesfalls unerwähnt bleiben darf auch Ulrich Matthes als subtil-böser Richard Harloff, der in exakt dieser Rolle seinerzeit einen perfekten Gegenspieler Sean Connerys in einer anderen beliebten Filmreihe abgegeben hätte.

Flop:

Der Bodensee-Tatort. Der ist ohnehin nicht als Highlight der Krimi-Reihe bekannt, aber dass nun ausgerechnet in der Woche nach der biederen Klara Blum (hier finden Sie die Rezension zum Film) ein so großartiger Fall vom Hessischen Rundfunk gesendet wird, lässt die Konstanzer Ausgabe noch öder wirken.

Die Schlusspointe:

Ein Mann stirbt, ein anderer kniet über ihm und wischt sich eine Träne weg. Ein Papierkorb brennt und die Geschichte endet mit einer Lüge. Zum Schluss stehen die Toten da, aufgereiht wie zum Familienfoto. Mehr hätte es nicht sein dürfen - weniger aber auch nicht.

Erkenntnis:

Wer ein bisschen James Bond mit einer Portion Italo-Western und einem kräftigen Schuss Shakespeare-Melodram vermengt und das Ganze mit Anspielungen auf unzählige Bedeutsamkeiten der (inter)nationalen Film- und Theaterszene abschmeckt, erhält einen Tatort, den es so eigentlich gar nicht geben darf. Einen Tatort, wie ihn vermutlich sogar Quentin Tarantino mögen würde.

Wer ermittelt wo mit welchen Tricks?

Zwei Mädels in Dresden, ein Pärchen in Weimar und die Münchner seit 25 Jahren. Alles, was Sie über die "Tatort"-Kommissare wissen müssen - in unserer interaktiven Grafik. Von Carolin Gasteiger und Jessy Asmus mehr...