Münchner "Polizeiruf 110" Fernsehen, wie es die Amerikaner machen

Hanns von Meuffels (Matthias Brandt, im Hintergrund) soll den Tod von Almandines (Lars Eidinger, r.) Freundin klären.

(Foto: Kerstin Stelter)

Der "Polizeiruf 110" aus München und sein Kommissar haben das Bauprinzip des Fernsehkrimis umgedreht. Bald läuft der fünfte Fall, ein großartiger Film über Gewalt unter Ermittlern.

Von Katharina Riehl

Diese Geschichte soll mit einem Anfang beginnen, und am Anfang steht eine Lüge. An einem Tisch sitzen eine schlecht frisierte, plumpe Blondine und ein Kommissar, der seine Kindheit aufarbeiten soll, jener Polizeipsychologin aber im wahrsten Sinne des Wortes Geschichten vom Pferd erzählt. Von seinem Vater, einem Geiger, der sich im Pferdestall erhängt habe, von der Stallmeisterin, die den Vater fand, und ihm, dem Kommissar, (Vorsicht zweideutig) das Reiten beibrachte. Die Geschichte gefällt der Psycho-Blondine. Dann verlässt der Kommissar den Raum. Die Show ist vorbei.

So beginnt der neue Polizeiruf 110 mit Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels. Kommende Woche hat er auf dem Filmfest München Premiere, im Juli wird er ausgestrahlt. Und "Der Tod macht Engel aus uns allen" über den Tod einer Transsexuellen im Polizeigewahrsam, dürfte in den kommenden Monaten den einen oder anderen Fernsehpreis gewinnen.

Vor allem die Figur des Ermittlers ist spannend

Im Sommer 2011 ist Kommissar Hanns von Meuffels nach München gekommen, in den Polizeiruf des BR. Es hat ein paar gute Filme mit ihm gegeben und ein paar sehr gute, sehr unterschiedliche Genres. Spannend ist aber vor allem der Ermittler: Die Figur des Adeligen hat das erlernte Bauprinzip des deutschen Fernsehkrimis umgekehrt. Und das, obwohl erlernte Bauprinzipien im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bekanntlich etwa so leicht zu variieren sind wie die Titelmelodie der Tagesschau.

Das Drehbuch zum Polizeiruf hat Günter Schütter geschrieben, von dem schon das erste Buch für Meuffels stammte, "Cassandras Warnung", von Dominik Graf verfilmt, ebenso wie Schütters "Der Scharlachrote Engel", der Grimmepreis-Polizeiruf mit Edgar Selge. Jetzt führte Jan Bonny Regie.

Trifft man Schütter und Matthias Brandt in einer Bar in München, in der das Licht am frühen Abend schon schwach ist, erklärt Brandt die Sache mit Meuffels so: "Wenn man eine Rolle in einer solchen Reihe übernimmt, dann gibt es die Falle, dass man als Schauspieler denkt: Ich mache jetzt mal alles, was ich schon immer mal machen wollte." Dann überfrachte man eine Figur mit Attributen, die man mühsam aufrechterhalten und bedienen muss.

Ein todtrauriges und zugleich sehr lustiges Buch

Es ist doch so: Die deutschen Fernsehkommissare, im Tatort, in all den lustig gemeinten Vorabendserien, treten ihr Amt mit einem Sack voller Eigenschaften an, mit einem nicht aufgearbeiteten Unfalltrauma, mit einem verrückten Pathologen als Vermieter. Der Zuschauer kennt die Typen, er weiß, wie sie reagieren.

Hanns von Meuffels ist von vornherein erstmal der Mann ohne Eigenschaften. Doch er handelt, und aus allem, was er tut, kann man sich nach und nach ein Bild davon machen, wie dieser Mann sein könnte. Der Psychologin sagt er nichts Wahres, aber verrät damit im Grunde ja noch viel mehr über sich. Wenn man so philosophisch will, ist das Induktion statt Deduktion. Oder einfach: Fernsehen, wie es die Amerikaner machen.