"München 72" im ZDF Es geschah im September

17 Tote, Versagen der Polizei, Terror auf deutschem Boden: Das Münchner Olympia-Attentat von 1972 zählt zu den größten deutschen Nachkriegs-Tragödien. Der ZDF-Film "München 72" versucht dieses Trauma nachzuerzählen. Es ist kein fiktionaler Film mit dem Mut zu ästhetischen oder erzählerischen Experimenten. Die Stärke von "München 72" liegt in seiner historischen Dimension.

Von Katharina Riehl

Nur eine Szene reicht aus, um einem Publikum, das die Terroranschläge vom 11. September live im Fernsehen verfolgen konnte, die Absurdität der Münchner Olympia-Katastrophe von 1972 vor Augen zu führen: Am Tisch sitzen die Sicherheitsverantwortlichen der Olympischen Spiele, man bespricht mögliche Gefahren und, wie man ihren begegnen kann. Dann will der Polizeipsychologe über "Lage 21" sprechen - ein Gedankenexperiment, dass Palästinenser über den Zaun klettern und israelische Athleten als Geiseln nehmen könnten. Der Polizeipräsident, der in München 72 Dieter Waldner heißt und von Heino Ferch gespielt wird, hält das erkennbar für großen Unsinn. Er sagt: "Psychologen sollte man auf den Mond schießen."

Aus heutiger Sicht ist das natürlich der reine Wahnsinn, denn genauso kam es bekanntlich, und am Ende waren 17 Menschen tot. München 72 lebt dramaturgisch davon, all die Einschätzungen der deutschen Behörden in jenen Septembertagen nachzuerzählen, die sich 40 Jahre später und angesichts des gegenwärtigen Kampfes gegen den Terrorismus so leicht als Fehleinschätzungen erkennen lassen. Der Film, inszeniert vom israelischen Regisseur Dror Zahavi, soll das deutsche Versagen in den Fokus nehmen, das nicht nur mit mangelnder Erfahrung zu erklären ist. An keinem Punkt kann man das so deutlich sehen wie in dem Moment, als deutsche Polizisten über die Dächer der Sportlerunterkünfte laufen, um die Geiseln zu befreien - und die Terroristen im Fernsehen dabei zusehen.

Dieser Fokus lässt politisch einiges außen vor, aber er verrät auch viel über ein Land und eine Stadt, die gut 25 Jahre nach Ende des Krieges die Feststimmung wichtiger nahmen als die Sicherheit. Dass man historisch sehr korrekt gearbeitet hat, lässt das ZDF gleich im Anschluss mit einer Dokumentation belegen, in denen die Beteiligten von damals das wiederholen, was im Film gezeigt wurde.

München 1972, das sollten versöhnliche Spiele werden

Erzählt wird streng chronologisch, weshalb zu Beginn des Films die Stimmung hervorragend ist. Die Essener Polizistin Anna Gerbers (Bernadette Heerwagen) erfährt, dass sie für Olympia nach München fahren darf, in einem hellblauen Kostümchen läuft sie kurz darauf über das sonnige Gelände. Der israelische Fechttrainer André Spitzer (Pasquale Aleardi) spricht das Team aus Libanon an und wünscht viel Glück: München 1972, das sollten versöhnliche Spiele werden.

Gedreht wurde auf dem Olympiagelände, und auch sonst hat sich die im Historien-Event sehr erfahrene Firma Teamworx um Authentizität bemüht. Israelis und Palästinenser werden von Israelis und Palästinensern gespielt, untereinander sprechen sie jeweils ihre Muttersprachen, die Szenen werden untertitelt. Im meist in erster Linie auf leichte Verdaulichkeit ausgerichteten deutschen Fernsehfilm ist das schon etwas, das auffällt.

Die historisch akkurate Erzählweise verzichtet meist auf Interpretation und Fiktionalisierung. Auch die Liebesgeschichte zwischen Anna Gerbers und einem Piloten (Felix Klare) wird so sanft angedeutet, dass man sie genauso hätte weglassen können. Viel Raum bekommen die langwierigen politischen Diskussionen im Krisenstab, in denen die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen für mögliche Maßnahmen besprochen werden.

München 72 ist kein großer fiktionaler Film mit dem Mut zu ästhetischen oder erzählerischen Experimenten; München 72, der Spielfilm, ist ein Dokument, auch des heutigen Besserwissens.

München 72 - Das Attentat, ZDF, 20.15 Uhr; Dokumentation um 21.45 Uhr.