Mit Smartphone beim Konzert Ich war da - Beweis gefällig?

"Nena möchte euch in die Augen sehen und nicht in eure Displays." Wer heute auf ein Konzert geht, will den Star nicht nur hören und sehen, sondern unbedingt auch mit dem Smartphone filmen. Seit wann genügen Rumhüpfen, Klatschen und Tanzen eigentlich nicht mehr?

Von Harald Hordych

Nein, das wird jetzt bestimmt keine Polemik gegen Smartphones. Die Möglichkeit, immer einen Fotoapparat oder eine Filmkamera bei sich zu haben, weil man eben sein kleines tragbares Telefon in der Tasche stecken hat, ist unbedingt begrüßenswert.

Alles, was schön ist, kann abgelichtet werden

Es geht hier um das, was wir mit der schönen Technik anstellen. Es geht um den Zwang, bei Live-Konzerten sein Smartphone rauszuholen und das Konzert mitzufilmen. Dahinter steckt die Sehnsucht, etwas festzuhalten, das flüchtig ist wie das ganze Leben. Abgesehen von dem Wunsch, sagen zu können: Ich war da. Beweis gefällig?

Früher wurde zu diesem Zweck gemalt, gemeißelt oder gezeichnet. Später konnte der Urlaub mit Dias protokolliert werden. Damals waren unserer Sammelwut noch Grenzen gesetzt. Nach einem 36-Bilder-Film war Schluss. Und heute? Alles, was schön ist, kann abgelichtet werden, erst recht ein Konzert und all die tollen Momente mit dem Künstler, den man verehrt.

Man will den Künstler nicht nur hören, sondern auch sehen

Beim herzzerreißend schönen Konzert der Popsängerin Nena in Hagen vor 200 Zuhörern bat ein Mitarbeiter das Publikum, doch die Smartphones in den Taschen zu lassen. "Nena möchte euch in die Augen sehen und nicht in eure Displays." Normalerweise wird jeder Wunsch von Stars wild beklatscht.

Diesmal ertönte der seit Menschengedenken dünnste Applaus. Klar, die meisten konnten nicht klatschen, weil sie ja ihr Handy in der Hand hatten. Aber sicher waren sie auch starr vor Schreck. Wie? Ich bin im Konzert und darf nicht filmen? Ja, richtig. Liebe Hobbyfilmer und Hobbyfotografen, nur mal zu Erinnerung: Wenn man zu einem Konzert geht, will man den Künstler hören.

Niemand ist so eine gute Nena wie Nena

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Aber man möchte ihn unbedingt auch sehen! Gerade, wenn man nur drei Meter von der Bühne entfernt steht. Aber wie soll man jemanden sehen, wenn die Leute vor einem sich aufführen wie in einem Workshop für schwitzende Amateur-Kameraleute? Aus einer Menge heraus zu filmen, heißt ja, das Smartphone hoch halten zu müssen, weil man sonst den Kopf des Vordermannes filmt.

Nena zwanzigmal sehr scharf, aber eben auch sehr klein

Alle, die ihr Handy hochhalten wie ein Dreijähriger seine leere Nuckelflasche, die ihm seine Mutter wieder mit Fruchttee auffüllen soll, die muten den dahinter Stehenden zu, Nena zwanzigmal sehr scharf, aber eben auch sehr klein zu sehen. Moderne Displays leuchten ja beeindruckend, heller als die Bühne. Nur die Sängerin sieht man leider nicht mehr vor lauter Leucht-Nuckis. Statt Nena live in Hagen ist das jetzt Nena im Mediamarkt.

Warum genügt das einfache Erleben nicht mehr? Das Rumhüpfen, Tanzen, Klatschen, Mitsingen? Warum ist das Konzert erst richtig geil, wenn man es gefilmt hat? Müssen wir wirklich alles in die Tasche stecken, auch Nena? Ist das der Wunsch, alles klein zu machen, als könnten wir darüber herrschen? Auch über den Star auf der Bühne, den wir jetzt mit nach Hause schleppen? Keine Ahnung. In Hagen haben sich übrigens tatsächlich viele an Nenas Wunsch, die Handys wegzustecken, gehalten. Deshalb werden sie diesen Auftritt auch mit Sicherheit mehr genossen haben.