Missbrauchsvorwürfe bei Fox News Mit wehenden Fahnen

13 Millionen Dollar hat der Sender an Frauen bezahlt, die O'Reilly sexuell belästigt hat. Nach dieser Enthüllung kam es zu heftigen Protesten.

(Foto: Erik McGregor/imago)

Dank Bill O'Reilly wurde der konservative Fernsehsender zum führenden Kabelnachrichtenkanal der USA. Dann wurde der 67-jährige Moderator zum Geschäftsrisiko. Jetzt muss er gehen.

Von Hubert Wetzel

Für die Gemeinde der wahren Gläubigen ist die Sache klar. Bill O'Reilly ist das Opfer einer Verschwörung von rachsüchtigen, politisch korrekten Linken geworden, die sich jetzt sein Fell an die Wand nageln werden. "O'Reilly raus bei Fox. Linke Aktivisten schnappen sich den größten Skalp", titelte die rechtspopulistische Internetseite Breitbart.

Das ist eine verständliche Reaktion - eine politische Bewegung, die eine ihrer Galionsfiguren verliert, neigt dazu, dafür die dunklen Machenschaften der Gegner verantwortlich zu machen. Und O'Reilly war zweifellos eine Galionsfigur, einer der wichtigsten Moderatoren beim konservativen Fernsehsender Fox News. Aber sofern man den doch ziemlich weit rechts stehenden Medienunternehmer Rupert Murdoch und dessen Söhne James und Lachlan, denen Fox News gehört, nicht als "linke Aktivisten" bezeichnen möchte, ist an der Verschwörungstheorie nichts dran.

Es ist viel einfacher: Bill O'Reilly war lange Zeit gut, sogar sehr gut fürs Geschäft. Dann wurde er schlecht fürs Geschäft. Deswegen flog er raus.

Seinen konservativen Gästen pinselte er gerne den Bauch, auch einem gewissen Donald Trump

Die Entscheidung ist den Murdochs offenbar nicht leichtgefallen. Sie haben lange überlegt, vielleicht weil sie wissen, was sie O'Reilly schuldig sind. Denn ohne Bill O'Reilly wäre Fox News wohl nicht das, was es heute ist - der führende Kabelnachrichtensender in den USA, mit dem die Murdochs jedes Jahr zig Millionen Dollar verdienen. Der 67 Jahre alte O'Reilly hat den Ton und den politischen Kurs des Senders maßgeblich mitgeprägt, vor allem mit seiner täglichen Sendung The O'Reilly Factor , die zuletzt jeden Abend gut drei Millionen Zuschauer hatte.

Fox News hat zwar inzwischen eine ganze Riege erzkonservativer Kommentatoren unter Vertrag, darunter Leute wie Sean Hannity oder Tucker Carlson, die politisch noch weiter rechts stehen als O'Reilly. Aber O'Reilly, ein renommierter Journalist, der früher als In- und Auslandskorrespondent für die Nachrichtenredaktionen von CBS und ABC gearbeitet hatte, war der Mann der ersten Stunde. Er arbeitete seit dem Sendestart im Jahr 1996 für Fox News, angeheuert wurde er vom damaligen Senderchef Roger Ailes.

Ailes brauchte eine konservative Bulldogge. Der ruppige Bill O'Reilly war sein Mann. Gut zwei Jahrzehnte lang hat er jeden Abend seine stramm rechte Weltsicht verbreitet, nicht immer ganz von den Fakten gedeckt, dafür mit pathetisch wehenden amerikanischen Flaggen im Hintergrund. Er hat seinen konservativen Gästen - darunter zuweilen ein gewisser Donald John Trump - den Bauch gepinselt und linke Gesprächspartner angeraunzt. O'Reilly schaffte, was in diesem Geschäft nicht viele schaffen: Er war eine so erfolgreiche Marke, dass die Gegenseite eine Parodie erschuf, die ebenfalls höchst erfolgreich war - Stephen Colberts The Colbert Report bei Comedy Central.

Für Fox News und die Murdochs bedeutete all das: viel, viel Geld. Bill O'Reilly ging zur besten Zeit auf Sendung, an jedem Wochentag um 20 Uhr, die Werbezeit während seiner Show konnte zu Höchstpreisen verkauft werden. Und auch O'Reilly dürfte in seinen Jahren bei Fox News vielfacher Millionär geworden sein.

Der Niedergang begann vor einigen Monaten. Im Juli 2016 feuerten die Murdochs zunächst Roger Ailes, nachdem bekannt geworden war, dass dieser jahrelang Fox-Mitarbeiterinnen sexuell belästigt hatte. Wenig später wurde bekannt, dass sich O'Reilly offensichtlich ähnlich benommen hatte - insgesamt 13 Millionen Dollar hat der Sender über die Jahre hinweg für außergerichtliche Einigungen mit Frauen ausgegeben, die der Starmoderator belästigt hat.

Zu einem ernsten Problem wurden für O'Reilly allerdings weniger die Berichte und Aussagen über sein Verhalten, sondern eher die Reaktionen der Werbekunden: Dutzende Firmen, darunter deutsche Konzerne wie VW und Mercedes-Benz, zogen ihre Werbebuchungen für den O'Reilly Factor zurück, der Moderator war zu toxisch geworden. Mercedes teilte mit, dass der Konzern gerne mehr Frauen als Kundinnen gewinnen würde, ein Werbeumfeld mit einem Menschen wie O'Reilly sei dafür ungeeignet. Nachdem klar geworden war, dass die Entrüstung sich nicht legen und Bill O'Reilly auf Dauer eine geschäftliche Belastung für das Unternehmen sein würde, zogen die Murdochs die Reißleine. O'Reilly, der alle Vorwürfe von sich weist, ging zunächst in einen längeren Urlaub - in Rom schüttelte er am Mittwoch dem Papst die Hand -, dann wurde er aus seiner Sendung gekippt.

O'Reillys begehrten bisherigen Sendeplatz um 20 Uhr bekommt nun Tucker Carlson, ein smarter, scharfer Rechter, der oft eine Fliege trägt. Und einige rechte Kommentatoren, darunter ironischerweise ein führender Breitbart-Redakteur, philosophierten am Donnerstag bereits darüber, dass O'Reilly ja in Wahrheit eigentlich gar kein echter Konservativer gewesen sei. Der Schaden für die Bewegung durch seinen Abgang sei daher erträglich. Niemand, so scheint es, ist unersetzlich.