"Der Mann an ihrer Seite" auf Arte Wie war dein Tag, Schatz?

David Tennant und Emily Watson als britisches Politikerpaar.

(Foto: Daybreak Pictures)

Man kann das Bett teilen, aber nicht die Macht: Die britische Miniserie "Der Mann an ihrer Seite" zeigt, was passiert, wenn eine Politikerin Karriere macht - und ihr Mann scheitert.

TV-Kritik von Kathleen Hildebrand

Wenn in der allerersten Szene eines Films oder einer Serie jemand im Morgengrauen im Bett liegt und an die Decke starrt, und wenn an dieser Decke dann auch noch ein großer Riss in Form eines Fragezeichens zu sehen ist, dann weiß man ziemlich genau, was kommen wird. Zum einen wird es um den Zerfall gehen - von Karrieren, Ehen, Lebenskonzepten. Um erschütterte Gewissheiten. Um den ganz großen Bruch in einem bis hierher ziemlich okayen Leben. Man weiß aber auch: Dieser Film oder diese Serie wird keine allzu große Angst haben vor Klischees und vor ganz großen Symbolen.

Beides trifft auf Der Mann an ihrer Seite zu. Die BBC-produzierte Miniserie aus dem Jahr 2013, im Original lautet der Titel The Politician's Husband, zeichnet - spiegelverkehrt - weiter, was die Drehbuchautorin Paula Milne 1995 mit The Politician's Wife begonnen hat: ein Sittengemälde britischer Politik. Wie in den großen Serienerfolgen House of Cards und Borgen geht es um politische Intrigen, Macht und darum, was hohe Ämter mit den Menschen machen, die sie innehaben. Statt Washington oder Schloss Christiansborg ist die Bühne diesmal Westminster, das Regierungsviertel im Herzen von London.

Der Morgen, in den Aiden Hoynes (David Tennant) in der ersten Szene hineinstarrt, soll ein ganz entscheidender werden auf seinem Weg ins oberste Amt des Landes. Mit seinem wohlinszenierten Rücktritt als Arbeitsminister und scharfer Kritik an der Einwanderungspolitik seiner Partei versucht er die demokratische Variante eines Putsches. Er will Premierminister werden anstelle des Premierministers. Weil aber sein bester Freund und Verbündeter im Parlament ihn verrät (aristokratisch gespielt von Ed Stoppard), endet sein großer Tag nicht in Downing Street Nummer zehn, sondern im politischen Abseits.

Freyas Karriere geht durch die Decke

Womit es natürlich erst richtig losgeht. Nur Tage nach seinem Fall wird Aidens Ehefrau Freya Gardner Ministerin, nachdem sie zuvor jahrelang für die Familie zurückgesteckt hatte. Wobei Zurückstecken in ihrem Fall heißt, dass sie bloß Staatssekretärin war - ein Job, der offenbar so wenig Zeit kostet, dass man nebenbei gut das Schulleben der zwei Kinder organisieren kann, von denen eines auch noch am Aspergersyndrom leidet. Während Aiden seine Tage fortan im Klein-Klein von Bürgersprechstunden verbringt, kocht und die Kinder zur Schule fährt, geht Freyas Karriere durch die Decke. Es ist ein großer Spaß, ihre furiosen, wütenden Reden im Unterhaus anzusehen oder ihren träumerischen Blick, als sie zum ersten Mal am Kabinettstisch Platz nimmt.

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Zwischen den Königsmördern von Westminster

Die Klischeebilder vom politischen Aufstieg und von der Verlockung der Macht funktionieren wunderbar, wenn es plötzlich eine Frau ist, die da kämpft und genießt. Sie funktionieren noch besser, wenn Emily Watson mit ihrer hintergründigen Bodenständigkeit diese Frau spielt. Sie und David Tennant sind überhaupt ein viel überzeugenderes Politikerpaar als die durch und durch fiktionalen Underwoods in House of Cards: nicht überzogen reich, pragmatisch und doch so ambitioniert, dass sie auch vor gegenseitigem Verrat nicht zurückschrecken, wenn er dem eigenen politischen Überleben dient. Denn zwischen all den Königsmördern von Westminster, das lernt Freya schnell, sind Loyalitäten, Ideale und Inhalte nicht mehr als das Material für flammende Reden - mit denen man am eigenen Aufstieg arbeitet.

Dass das neue Ungleichgewicht an der Ehe des Politikerpaares mehr als nur nagt, ist schon am Ende der ersten Folge klar. Der für Langverheiratete fast unglaubwürdig häufige Sex der beiden wird schnell vom Trost zum Machtspiel - bis in einer schockierenden Szene auch von "Spiel" nicht mehr die Rede sein kann. Wie Freya danach ihr Mitgefühl mit ihrem Mann konsequent herunterdimmt und doch immer wieder versucht, ihm zu vertrauen, ist hochinteressant anzuschauen.

Irgendwann holt Aiden in seiner gekränkten Männlichkeit dann zum großen Gegenschlag aus. Zu einer Intrige, mit der er jeden Verrat rächen will, den seine Nächsten an ihm begangen haben.

Was dann kommt, ist erst einmal die schreckliche Antwort auf das Fragezeichen, das er anfangs an der Decke sah. Aber es ist noch nicht der Schluss der Serie. Die endet vielmehr auf einer so befriedigenden wie dissonanten Note, dass es sich lohnt, diesen zermürbenden ehelichen Machtkampf zu verfolgen.

Der Mann an ihrer Seite, Arte, drei Teile, 20.15 Uhr