Meinungsfreiheit in den Medien Standgericht der Schein-Toleranten

Tim Cooks Coming-Out hat Wellen geschlagen - ein Kommentar dazu auch.

(Foto: REUTERS)

Die Reaktionen auf das Coming-out von Apple-Chef Tim Cook haben gezeigt: Toleranz wird in der Öffentlichkeit immer öfter zu einem Kampfbegriff. Gerichtet gegen all jene, die es wagen, den gesellschaftlichen Konsens infrage zu stellen.

Von Marc Felix Serrao

In diesem Herbst hat die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) ihren Geist aufgegeben. Das Blatt ist fast 235 Jahre alt, aber für den Niedergang reichten weniger als 140 Zeichen. Am Anfang stand ein Kommentar zum Coming-out von Apple-Chef Tim Cook. Dieser hatte in einem Artikel seine Homosexualität öffentlich gemacht. Christiane Hanna Henkel, Autorin der NZZ, kritisierte das Bekenntnis des Managers als professionellen Fehltritt.

Wenn sich Apple als Unternehmen für "Diversität" einsetze, sei das völlig legitim, schrieb sie. Wenn hingegen Cook als Einzelner seine herausgehobene Position als leitender Angestellter des Konzerns benutze, um seine sexuelle Orientierung zum Thema zu machen, sei das "nicht Bestandteil seiner Aufgabe". Er sei schließlich kein Bürgerrechtler oder Politiker. Weiter störte sich die Autorin daran, dass der Manager seine Homosexualität als Gottesgeschenk bezeichnet. Das sei arrogant, impliziere es doch, dass die heterosexuelle Mehrheit weniger "beschenkt" sei.

"Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?" Diese Frage hat unsere Leser in der siebten Abstimmungsrunde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur Toleranz-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Es gibt vieles, was man an diesem Kommentar kritisieren kann. Die eigenartige und arbeitsrechtlich schwer haltbare Behauptung etwa, dass sich ein Angestellter, leitend oder nicht, öffentlich nur im Sinne seiner beruflichen Funktion äußern dürfe. Man muss kein Bürgerrechtler sein, um sich für den Schutz der eigenen Minderheit einzusetzen. Es reicht, Bürger zu sein.

Dann die unterstellte Überheblichkeit. Cook ist Jahrgang 1960. Er ist in Alabama zur Welt gekommen und aufgewachsen. Als junger Schwuler dürfte er in den amerikanischen Südstaaten der siebziger und achtziger Jahre heterosexuelle Häme zu spüren bekommen haben. Wenn er heute Stolz auf seine Liebe zu Männern empfindet, dann ist das sein gutes Recht.

Schein oder sein: Wie tolerant sind wir wirklich?

Toleranz wird in der Öffentlichkeit immer öfter zu einem Kampfbegriff. Es gilt nicht mehr, die andere, von der eigenen Überzeugung abweichende Meinung auszuhalten, sie im Wortsinne zu dulden. Schaffen wir dadurch eine Schein-Toleranz? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Lob für eine öffentliche Demütigung

Was allerdings bei der NZZ nach der Veröffentlichung dieses Textes geschehen ist, ist nicht nur ein handwerklicher Fehler. Es ist ein Kulturbruch. Leider hat das fast niemand registriert.

Nach ein paar aufgebrachten Twitterkommentaren, die der NZZ-Autorin Homophobie und Intoleranz vorwarfen, distanzierte sich der Chefredakteur der Zeitung, Markus Spillmann, öffentlich und bezeichnete den Artikel der Kollegin via Twitter als "Fehlleistung".

Längere Zurechtweisungen erschienen unter der Online-Fassung des Textes und bei Facebook.

Wo anfangen mit der Kritik? Bei der Tatsache, dass der Chefredakteur die eigene Mitarbeiterin derart desavouiert? Bei dem Klassenlehrertonfall ("Fehlleistung")? Bei der hanebüchenen Behauptung, die Autorin habe dem Apple-Chef allen Ernstes sein Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung abgesprochen? Kritikwürdige Texte erscheinen jeden Tag in jedem Medium. Über viele wird entsprechend geurteilt, in Leserkommentaren und in Konferenzen hinter verschlossenen Türen. Aber so? Öffentlich? Durch den Chefredakteur selbst und ohne die Chance auf eine Widerrede, die nicht den Arbeitsplatz gefährden würde? Ein größerer Gesichtsverlust ist schwer vorstellbar. Eine rückgratlosere Führung ebenfalls. Und das bei der NZZ.

Das stolze Blatt, 1780 gegründet, wirbt bis heute damit, dass es das Tagesgeschehen "im Geiste einer liberalen Weltanschauung" begleitet. Doch das Gespenst des digitalen Mobs hat den alten liberalen Geist offenbar verjagt. Und das nicht nur bei der NZZ.

Im gleichen Telegrammstil, in dem Spillmann seine Kollegin öffentlich vorgeführt hatte, wurde der Chefredakteur anschließend gefeiert, auch in Deutschland, etwa von Katharina Borchert, Geschäftsführerin von Spiegel Online: Oder von Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online: "Wenn Kritik zu weit geht", titelte die FAZ im Netz, und Focus Online bezeichnete den Vorfall gar als "Homo-Gate".

Nachdem die Mehrheitsmeinung formuliert war, folgten die Claqueure. Auf zahlreichen Websites und in Mediendiensten wurde Henkels Text nur noch als "schwulenfeindlich" charakterisiert. Damit war die Debatte, die nie eine war, binnen weniger Stunden beendet. Die Autorin aber, die letztlich nur die Vermischung privater und unternehmerischer Interessen kritisiert hatte, ist auf unbestimmte Zeit abgestempelt: als reaktionäre Unperson, der gerade noch rechtzeitig ein Maulkorb verpasst wurde.