Medienkritik Wie groß ist der Vertrauensverlust in die Medien wirklich?

"Lügenpresse"-Rufe hört man etwa auf Pegida-Demonstrationen, der Großteil der Bevölkerung aber denkt anders, sagt Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann.

(Foto: Daniel Naupold/dpa)

Von wegen "Lügenpresse": Wissenschaftler haben Umfragen der vergangenen dreißig Jahre ausgewertet - und kommen zu einem überraschenden Ergebnis.

Von Katharina Riehl und Ralf Wiegand

Als die ZDF-Journalistin Dunja Hayali neulich die Goldene Kamera entgegennahm, geriet ihre Dankesrede zu einem flammenden Appell. Ein Appell im Namen des Journalismus und der Journalisten. Hayali erzählte, wie ihr beim Einkaufen jemand ins Gesicht geschrien habe: "Du Lügenpresse, du Lügenfresse!" Keiner höre mehr zu, Worte würden einem im Mund verdreht, und wenn man nicht die Meinung des Gegenübers widerspiegele, "dann ist man ein Idiot, eine Schlampe, ein Lügner oder total ferngesteuert". Journalisten seien keine Übermenschen, sie machten Fehler: "Aber deswegen sind wir noch lange keine Lügner."

Die Verunsicherung ist greifbar

Die dauernde Kritik an den Medien, die Hass-Kommentare in Online-Foren, die Plakate gegen die "System-Medien" und die "Lügenpresse" auf AfD- oder Pegida-Demonstrationen zeigen Wirkung. Der MDR lud neulich zwei sächsische Rentner, beide treue Pegida-Gänger, ins Studio ein, um ihnen ihre Arbeit vorzustellen. Frank Plaßberg bettelte am Ende einer Hart-aber-Fair-Ausgabe im Ersten mit der AfD-Bundessprecherin Frauke Petry förmlich darum, sie möge das mit der Lügenpresse jetzt doch anders sehen, man habe ja miteinander gesprochen. Die Verunsicherung auf Seiten der Medien ist greifbar - doch wie groß ist die Vertrauenskrise in die Medien in Deutschland wirklich?

Carsten Reinemann, Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU München, und Nayla Fawzi, Akademische Rätin an derselben Uni, haben sich die Zahlen der vergangenen drei Jahrzehnte dazu angeschaut, ausgewertet - und kommen zu einem überraschenden Schluss. "Es gibt keinen dramatischen Vertrauensverlust", sagt Carsten Reinemann im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Je höher die Pressefreiheit, desto größer das Misstrauen

Es gebe zwar einzelne Gruppen, die in ihrer grundsätzlichen Ablehnung gegenüber Eliten und der Politik auch die Arbeit der Medien ablehnten; eine gesellschaftsweite Vertrauenskrise in die Medien aber könne man aus den Daten nicht herauslesen. Reinemann: "Tatsächlich gab es in Deutschland schon immer eine relativ große Zahl von kritischen, skeptischen Menschen, und es gab immer Schwankungen. Einen messbaren Trend nach unten gibt es nicht."

Medien könnten seiner Meinung nach deutlich selbstbewusster auftreten, der Vorwurf der "System-Medien" etwa sei keiner, wenn System bedeute, für freiheitliche Werte wie Vielfalt und Pluralität einzutreten. Außerdem sei ein gewisser Grad an Misstrauen gegenüber Medien Ausdruck von Freiheit. Wissenschaftlich sei belegbar: "Je höher die Pressefreiheit, desto größer ist auch das Misstrauen. Das hat etwas mit der Vielfalt zu tun, die einem da präsentiert wird, mit der Offenheit einer Gesellschaft. In autokratischen Ländern, die tatsächlich eine Systempresse haben, ist das Vertrauen am größten."

  • Misstrauen als Auszeichnung

    Je höher der Grad der Pressefreiheit, umso größer die Skepsis: Der Kommunikationsforscher Carsten Reinemann über die angebliche Vertrauenskrise der Medien.