Die Emma-Chefredakteurin unterstellt der Gerichtsreporterin des Spiegels bei Anne Will, für sie gebe es ja sowieso keinen Sexualstraftäter, der nicht unschuldig sei oder eine "brutale Mutter" habe. Den Schlusssatz in Friedrichsens Spiegel-Kommentar - es wird auf ein "überfälliges Wunder" im Fall Kachelmann gehofft - deutet Schwarzer als Wunsch eines Freispruchs für Kachelmann. Als Friedrichsen sich gegen diese Interpretation ihrer Worte wehrt, wird sie kurzerhand abgebügelt: "Sie sind wirklich ein dreister Vogel!"

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Der Streit der beiden Journalistinnen dominiert das Gespräch. Der Wortmaschine Schwarzer setzt Friedrichsen eher hilflose Ausbrüche des Beleidigt-Seins entgegen, ganz so, als habe jemand beim Five-o'clock-tea etwas Unpassendes gesagt. Über diesem Geplänkel gerät das eigentliche Sendungsthema in den Hintergrund: Wie sind vor dem aktuellen Hintergrund der Causa Kachelmann die Fälle des steuerflüchtenden Ex-Post-Chefs Klaus Zumwinkel, des exzessiv feiernden Michel Friedman und der Popsängerin Nadja Benaissa einzuordnen? Was ist mit der Informationspolitik von Staatsanwaltschaft und Verteidigung? Was ist mit Persönlichkeitsrechtsverletzungen?

Im Studio aber geht es um: Schuldig oder nicht schuldig?

Dominantes Amazonen-Gespann

Es ist das gleiche Spiel, das schon seit Wochen läuft. Da schwangen sich Spiegel und Zeit zu Schützenhelfern Kachelmanns auf, gespickt mit erstaunlichen Einblicken in Prozessakten, schön selektiv geordnet, alles eher aus Verteidigersicht. Da untermauerten auf der Gegenseite Focus und Bunte aus dem Hause Burda die Vorwürfe aus Anklägersicht, garniert mit unappetitlichen sexuellen Details.

Sex nach der Pasta oder vor der Pasta, und was ist mit Fesselsex und dergleichen?

Ex-Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje, seit einiger Zeit PR-Großstratege, weiß von einem direkten Draht einer Staatsanwaltschaft in die Redaktion einer großen deutschen Zeitung zu berichten, fällt aber an diesem Frauenabend als Lautsprecher aus. Anwalt Schertz wiederum berichtet von einer Schauspielerin, deren Missachtung einer roten Ampel direkt bei den Boulevardmedien landete und der ehemalige Berliner Staatsanwalt Hansjürgen Karge philosophiert über die verlorengegangene Prozesskultur.

Doch die Einlassungen der männlichen Diskutanten verblassen vor dem Amazonen-Gespann Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen.

Die Moderatorin selbst scheint ihr Eingangsstatement irgendwann vergessen zu haben. Anne Will moderiert das erste Mal seit der Sommerpause, in der sie überraschenderweise erfahren hatte, das Günther Jauch sie 2011 ersetzen wird. Da will sie beim Neustart souverän wirken, doch das Thema Kachelmann birgt zu viele Emotionen. Und so reitet Will auf der Tatsache herum, dass Kachelmanns Ex-Geliebte, das mutmaßliche Opfer, bislang keine Interviews gegeben habe.

 "Nimmt Sie das für sie ein?", fragt die Moderatorin den Medienanwalt Schertz. Der lobt diese Strategie und kritisiert dagegen die Interviewlust des gerade aus der Haft entlassenen Jörg Kachelmann. Der redet mit dem Fernsehen und dem Spiegel.

Ein letzter Versuch von Anne Will, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, endet verhängnisvoll: Auf die Frage an Ex-Staatsanwalt Karge, ob er denn nach seinen eigenen Erfahrungen bei Vergewaltigung zur Anzeige raten würde, antwortet der Jurist: "Meiner Tochter würde ich im Zweifelsfall raten, nicht zur Polizei zu gehen."

Zeit, dieses Statement zu erörtern, fehlt. Ein Urteil oder eine Antwort auf die Frage des Abends liefert Wills Fernsehgericht nicht. Eine neue Chance zur Klärung der Schuldfrage in der Causa Kachelmann bietet sich am 6. September: Dann beginnt in Mannheim der tatsächliche Prozess.

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(sueddeutsche.de/jja)