Medien in der DDR "Ich werde Journalistin, aber nicht in der DDR!"

Jugend liest: In der DDR sah es die SED gerne, wenn der Nachwuchs die Blätter der staatsgelenkten Jugendorganisationen las.

(Foto: picture-alliance/ ZB)

Alles Lügenpresse oder was? Eine virtuelle Ausstellung zeigt am Beispiel der DDR, wie es ist, wenn Zeitungen wirklich politisch gelenkt werden.

Von Cornelius Pollmer

Einige Abonnenten der Dresdner Neuesten Nachrichten und der Sächsischen Zeitung bekamen im September einen Brief: "Sehr geehrter Leser (generisches Maskulinum)!" Auf die Anrede folgte eine bemerkenswert belegfreie Kritik der Medien. In diesen würden "gezielt Lügen und Verleumdungen verbreitet, um geplante politische Ziele durchzusetzen". Kein Wunder, "denn die großen Zeitungen sind im Besitz der Parteien und somit natürlich politisch gelenkt." Der Autor (generisches Maskulinum) formulierte als Konsequenz daraus eine Bitte - "glauben Sie nicht die unisono aufgebeteten Floskeln der gleichgeschalteten Medien".

Wie zu DDR-Zeiten?

Die Postwurfsendung ist nur eine Episode des gegenwärtigen Furors gegen die "Lügenpresse". Auf Demonstrationen in Sachsen und im sonstigen Osten wird der Pauschalverdacht zudem gern mit einem Suffix nachgewürzt: wie zu DDR-Zeiten! Wie es tatsächlich ist, wenn Zeitungen sich in Parteihand befinden und politisch gelenkt werden, das zeigt nun die Ausstellung "Rotstift - Medienmacht, Zensur und Öffentlichkeit in der DDR".

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Das Programm des Archivs Bürgerbewegung Leipzig zeichnet sich zuvorderst dadurch aus, dass "Lügenpresse"-Rufer dafür keine "Zwangsabgabe" zahlen oder das Internet verlassen müssen, ihren bevorzugten Aufenthaltsraum. "Rotstift" ist eine virtuelle Ausstellung, kompakt, in der Sprache einfach, in der Sache umfassend.

Journalismus als "schärfste Waffe"

Umfassend, das beginnt schon beim Glossar und dort bei den Buchstaben P, R und V. Vom "Parteijournalismus" ist zu lesen, der helfen sollte, die Ideologie zu verbreiten. Journalisten wurden zu "Funktionären der Partei", Journalismus zur "schärfsten Waffe" derselben. Rudolf Herrnstadt, ein früherer Chefredakteur des Neuen Deutschland, erläutert: "Das Parteiorgan wird nicht herausgegeben, um Menschen zu unterhalten oder um Geld zu verdienen. Es wird herausgegeben, um Politik zu machen, um einen politischen Kampf zu führen."

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Die Ausbildungsstätte für diesen Kampf wird unter "R" vorgestellt. Die Journalistik-Fakultät der Karl-Marx-Uni Leipzig firmierte als "Rotes Kloster", sie bildete für das aus, was man heute den Markt nennen würde: 1989 wurden in der DDR 39 Tageszeitungen verbreitet, 17 davon SED-Publikationen.

"Ich werde Journalistin, aber nicht in der DDR!"

Ergänzt wurde die Arbeit hauptamtlicher Journalisten durch "V" wie "Volkskorrespondenten". Solche gab es lange vor dem Schon-wieder-aus-der-Mode-Wort "Bürgerjournalismus" und freilich unter anderen Bedingungen. Etwa 20 000 Volkskorrespondenten arbeiteten den Redaktionen zu, vor allem im Lokalen. Die Zeitzeugin Barbara Tewes berichtet, wie sie selbst zur Volkskorrespondentin wurde und welche Hürde sie sich dabei selbst in den Weg stellte. Tewes, 14-jährig, rief in der Schule aus: "Ich werde Journalistin, aber nicht in der DDR!" Am nächsten Tag wurde ihre Mutter zum Direktor bestellt.

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"Rotstift" versammelt viel Bekanntes, das vor allem an der Spiegelung mit der Gegenwart gewinnt. Wer heute dafür schreit, die GEZ abzuschaffen, darf sich etwa daran erinnern, dass der Deutschlandfunk einst vor allem als Angebot für DDR-Bürger an den Start gebracht wurde, um diesen einen Hauch von Pluralismus zu ermöglichen. Wer aber nach Belegen sucht, dass es damals im Journalismus genauso wie heute zuging, der wird lange scrollen müssen.

http://rotstift.archiv-buergerbewegung.de/

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