Maischberger-Talk zu Sekten Glaube als Käfig

Ein Gast bei der gestrigen Folge von Menschen bei Maischberger: die ehemalige "Zeugin Jehovas" Barbara Kohout

In welchen Lebenssituationen geraten Menschen in die Fänge einer Sekte? Was droht Aussteigern? Und wie schlimm sind die Prügel-Praktiken bei den Zwölf Stämmen? Das will Sandra Maischberger von ihren Gästen wissen - und bekommt Antworten, die schockieren.

Eine TV-Kritik von Johanna Bruckner

Am Morgen des 16. September machen sich die beiden Schwestern, 17 und zehn Jahre alt, auf zur Schule. Elf Tage sind sie da schon bei ihrer Pflegefamilie. Sie wurden ihren leiblichen Eltern, Mitgliedern der urbiblischen Sekte Zwölf Stämme, entzogen, der Verdacht lautet auf Kindesmisshandlung. Die Boulevardpresse feierte die Polizeiaktion in Bayern, bei der insgesamt 40 Kinder in staatliche Obhut genommen werden, als Befreiung. Die beiden Mädchen aber wollen nicht frei sein, vielleicht können sie es auch nicht. Am elften Tag nutzen sie den Schulweg zur Flucht.

Wie kann Glaube zum Käfig werden? Und wie können religiöse Überzeugungen Eltern dazu bringen, ihren Kindern Gewalt anzutun oder Gewalt an ihren Kindern zu dulden? Diese Fragen drängen sich einmal mehr auf, seit die brutalen Erziehungsmethoden der Zwölf Stämme ans Licht der Öffentlichkeit gebracht wurden. Auch Sandra Maischberger sucht am späten Dienstagabend Antworten und Erklärungen für Dinge, die nach normalem menschlichem Ermessen kaum nachzuvollziehen sind. "Das Geheimnis der Sekten - Gehirnwäsche oder wahres Glück?", lautet der Titel ihres Talks im Ersten.

Vor dem Hintergrund der dokumentierten Prügel-Praktiken klingt das zynisch. Dass die Sendung trotz des verunglückten Titels sehenswert wird, weil sie Einblicke in die abgeschottete Welt von Sekten gibt, verdankt die Moderatorin ihren Gästen - allen voran den geladenen Aussteigern.

Über die Sinnsuche in der Sekte

Etwa 800.000 Menschen gehören hierzulande Religionsgemeinschaften an, welche die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen als "Sekten" einstuft (Anm. d. Red.: Welche Gruppierungen unter diesen Begriff fallen, ist nicht einheitlich geregelt, deshalb kann auch die Mitgliederzahl variieren.). Einer von ihnen war Frank Büchner, mit 22 Jahren trat er den Zwölf Stämmen bei. Er sei damals auf Sinnsuche gewesen, habe nach einem Ausweg aus dem "Rat Race" des Joballtags gesucht, erzählt er. Was ihn mehr als 20 Jahre bei den Zwölf Stämmen hielt? Das Leben in der Gemeinschaft - so bezeichnet Büchner die Sekte auch noch nach seinem Ausstieg - habe auch "viele schöne Seiten" gehabt: das Miteinander, die verschiedenen Aufgaben, die er über die Jahre habe ausführen dürfen, die Reisen zu Glaubensgeschwistern in der ganzen Welt.

Und Büchner verliebte sich, gründete eine Familie. Doch da bekam seine neue heile Welt erste Risse. Tägliche Schläge mit der Rute seien Teil des Erziehungskonzepts der Zwölf Stämme, erklärt Büchner auf Nachfrage von Maischberger. "Wer seine Kinder liebt, züchtigt sie." 80 Schläge in zwei Tagen dokumentierte der RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk mit versteckten Videokameras. Auch er ist Gast bei Maischberger. Ob sich Kinder überhaupt so verhalten könnten, dass sie keine Prügel bekämen, hakt die Moderatorin bei Büchner nach. Bei den Jüngeren sei das unwahrscheinlich, aber mit elf, zwölf Jahren seien Kinder "so gebogen oder gebrochen, dass das nicht mehr passiert".