Magazin "Der Spiegel" Überraschende Wende im Machtkampf

Die Mediengruppe steckt in einem zermürbenden Streit um die Reform des Spiegel.

(Foto: dpa)

Erfolg für "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner: Alle drei Gesellschafter stützen seinen Kurs zur Verzahnung von Print und Online. Auch die Mitarbeiter-KG schlägt sich auf Büchners Seite - obwohl sich zuvor mehr als 80 Prozent der "Spiegel"-Leute gegen seine Pläne ausgesprochen hatten.

Von Claudia Tieschky

Der Streit beim Spiegel um die Reformpläne von Chefredakteur Wolfgang Büchner hat am Freitagabend eine überraschende Wendung genommen. Alle drei Gesellschafter des Spiegel teilten mit, das Projekt zu unterstützen. Damit scheint es, als habe Büchner die Machtprobe gewonnen, zu der sich seine Pläne für die engere Verzahnung von Print und Online entwickelt haben.

Die Entscheidung der Gesellschafter bedeutet, dass Büchner zunächst auf ihren Rückhalt bauen kann. Die Gesellschafter "begrüßen es, dass die Chefredaktion und die Geschäftsführung das Projekt Spiegel 3.0 in enger Zusammenarbeit mit den Redaktionen von Spiegel und Spiegel Online verwirklichen wollen, sowohl was die Umsetzung als auch was den Zeitablauf angeht", heißt es in der Erklärung. Ob das Frieden in die Redaktion bringt, ist fraglich. Mehr als 80 Prozent der Spiegel-Leute hatten sich noch am Freitag in einer Resolution gegen die Pläne gestellt und an die Gesellschafter appelliert, sie "jetzt abzulehnen" - ein in der deutschen Medienwelt bislang wohl einmaliges Misstrauensvotum gegen einen Chefredakteur. Die Gesellschafter teilten dazu mit, man nehme "die Sorgen ernst, die aus Redaktion und Dokumentation des Spiegel in den vergangenen Tagen geäußert wurden". Büchner soll nun wohl mit dem Konzept, hinter dem auch Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe steht, intern auf Werbetour gehen und eher überzeugen als durchregieren. Dabei schien es zuletzt unwahrscheinlich, dass die Gesellschafter - die Mitarbeiter KG (50,5 Prozent), Gruner + Jahr (25,5) und Augstein-Erben (24) - bei ihrer Sitzung am Freitag überhaupt zu einem Entschluss kommen.

Unter den fünf Vertretern der KG soll lange ein Patt geherrscht haben. Eine Rolle spielt auch, dass der Betriebsrat arbeitsrechtliche Probleme bei den Plänen sieht, "die so gravierend sind, dass eine Nichtberücksichtigung zu massiven Schäden für den Spiegel-Verlag führen würden".

Die KG hatte am Freitag in einer Mail an ihre Mitglieder geschrieben, dass sie "alle Vorschläge und Einwände sorgfältig prüfen und vorher keine Entscheidung fällen" wolle. Verschwanden im Lauf des Nachmittags alle Einwände? Für Büchner war es eine Macht- und deshalb eine Schicksalsfrage, die im Fall der Ablehnung durch die Gesellschafter faktisch seine Entmachtung als Spiegel-Chef bedeutet hätte.

Gewollte Eskalation eines Machtkampfes

Das Konzept Spiegel 3.0 sieht nicht nur eine engere Verzahnung des digitalen mit dem gedruckten Spiegel vor, Büchner will auch alle Ressortleiterposten neu ausschreiben. Künftig sollen Ressortchefs für Print und Online zuständig sein.

Büchner bestreitet, damit seine Gegner an den Ressortspitzen loswerden zu wollen.