"Männertreu" in der ARD Macht ist Lust

Hilft ihm in den Sattel, stößt ihn später vom Pferd: Moderatorin Martin (Claudia Michelsen) kommt Sahl (Matthias Brandt) auch sonst nahe.

(Foto: Bettina Müller/HR)

Wer hätte gedacht, dass ein deutscher Fernsehfilm so abgründig sein kann: "Männertreu" zeigt die politische Skandalgesellschaft als Sittengemälde, an dem man sich nicht sattsehen kann. Inklusive aller Politskandale der jüngeren Vergangenheit.

Von Ralf Wiegand

Neulich war Matthias Brandt zu Gast bei 3 nach 9, der Plaudersendung von Radio Bremen. Nachdem der Einspielfilm zu Ende war, in dem keine einzige Szene aus einer neuen Rolle zu sehen gewesen war, brach tosender Applaus los. Nicht dieser Höflichkeitsbeifall, der Talkgästen automatisch zuteil wird, weil sie halt da sind, sondern so ein mit Johlen und Pfeifen gewürztes Klatschen. Matthias Brandt ist eben ein echter Star (und Fan von Werder Bremen, was in Bremen hilft).

Was aber wäre wohl erst los gewesen, wenn die Zuschauer im Studio zuvor Männertreu gesehen gehabt hätten, in ganzer Länge? Sie wären wohl aufgestanden für ihre Ovationen, einige vielleicht auf die Sitze gesprungen. Alles wäre angemessen gewesen. Männertreu ist ein Glanzstück geworden, ein deutscher Fernsehfilm, dem man fast nicht glauben möchte, dass er ein deutscher Fernsehfilm ist. Und das hat viel mit Matthias Brandt zu tun. Aber nicht nur.

Männertreu also. Die ARD hat gar nicht viel getönt über diesen vom Hessischen Rundfunk produzierten Film, viel weniger jedenfalls als etwa Sat 1 damals vor der Ausstrahlung des Dokudramas Der Rücktritt.

Dieser Film kam in den Kritiken nicht schlecht weg, gemessen an Männertreu aber ist er höchstens ein schneller, bemühter Blick aufs Zeitgeschehen. Eindimensionales Hopplahopp-Fernsehen, in dem die Schauspieler den Figuren, die sie verkörpern, möglichst ähnlich sehen. Verfilmt worden war die Geschichte von Christian und Bettina Wulff, zumindest der letzte Teil davon, der Sturz. Brav.

Männertreu ist das Gegenteil von brav. Männertreu genießt die dunkle Seite der Macht, Maßlosigkeit und Selbstgerechtigkeit, das Bessersein aus Lust. Wer auf den großen Knall wartet, den Einsturz der Fassade, den Kollaps des um sich selbst kreisenden Systems, wartet vergebens. Der Rücktritt ist hier keine Kapitulation. Er ist ein genießerischer Triumph über die moralisierende Erregungsgesellschaft.

Andeutungen über DSK, Guttenberg, Wulff und Seehofer

Auch hier ist die Geschichte Wulff zu finden, natürlich schimmert sie an einigen Stellen durch, schon allein, weil der Publizist Georg Sahl, gespielt von Brandt, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland werden soll. Begonnen aber hat die Autorin Thea Dorn das Drehbuch mit der Affäre Dominique Strauss-Kahn als Idee.

DSK war jener frauenfressende Franzose an der Spitze des Weltwährungsfonds, der am Ende über den Kontakt zu einem amerikanisches Zimmermädchen stürzte und nicht französischer Präsident werden konnte. Aber man findet in diesem an Anspielungen und Spielkunst reichen Film auch Andeutungen über Horst Seehofers uneheliches Kind, über die Guttenbergs, über Wulff. Und am Ende gibt es eine Rückzugsszene, die an den Rücktritt von Christian Wulff erinnert, mit dem feinen Unterschied, das Sahl noch die Reißleine zieht, bevor er gewählt werden kann.