Machtkampf um Nachrichtenmagazin "Focus": Chefredakteur Weimer gibt auf

Was wird aus dem angeschlagenen Münchner Nachrichtenmagazin "Focus"? Wolfram Weimer gibt knapp 13 Monate nach seinem Antritt als Chefredakteur schon wieder auf. Sein Ko-Chef Uli Baur und Herausgeber Helmut Markwort haben den monatelangen Kampf um das richtige Heftkonzept gewonnen.

Von Marc Felix Serrao

Wolfram Weimer, 46, gibt seinen Posten als Chefredakteur des Münchner Nachrichtenmagazins Focus mit sofortiger Wirkung auf. Das bestätigte der Burda-Verlag, in dem das Magazin erscheint, am Dienstag nach der morgendlichen Redaktionskonferenz.

Weimer gehe, um sich neuen Projekten zuwenden zu können, hieß es. Der bisherige Ko-Chefredakteur Uli Baur, 55, werde alleiniger Chefredakteur. Weimer werde die Burda News Group und deren Geschäftsführer Burkhard Graßmann "auch in Zukunft beraten und dabei in erster Linie die strategische Allianz mit dem Economist ausbauen".

Was man in solchen Fällen so verkündet.

Weimer, der erst vor einem Jahr nach München gekommen war, um das angeschlagene Burda-Heft zu renovieren, zieht mit seiner Kündigung die Konsequenzen aus einem Machtkampf mit Baur und seinem Vorgänger und Herausgeber Helmut Markwort, 74, bei dem er als Verlierer hervorgegangen ist.

Beide sollen Weimers Kurs abgelehnt und zuletzt immer stärker behindert haben. Der Neue wollte das Magazin anspruchsvoller und politischer positionieren - als direkten Gegner des Hamburger Spiegel. Markwort und Baur, heißt es, hätten das Heft hingegen wie früher "nutzwertiger" und volksnäher gestalten wollen. Das können sie nun wieder tun - auch wenn von Verlagsseite erwartungsgemäß verkündet wird, dass der von Weimer "begonnene Weg der inhaltlichen Erneuerung [...] mit aller Konsequenz weiter verfolgt" werde.

Für Weimer, aber auch für den Focus und seinen Verleger Hubert Burda ist es eine peinliche Niederlage. Selten hat sich ein Chefredakteur so schnell verheizen lassen. Dass die einstige Geldmaschine Focus, deren Einzelverkaufsauflage zuletzt immer öfter unter die Marke von 100.000 rutschte, nun noch einmal auf die Beine kommt, ist unwahrscheinlich.

Was aus dem Kurzzeit-Chefredakteur wird, ist unklar. Er habe gerade erst ein Haus am Tegernsee gekauft, heißt es im Verlag. Bei Burda kann er kaum bleiben. Zu groß ist der Schaden für ihn und für den Verlag. Wie lange Baur den Focus alleine führt, ist ebenfalls offen. Im Verlag heißt es, dass bis zum Jahreswechsel der nächste "Neuanfang" anstehen könnte.

Unmittelbar vor Weimers Ankunft gab es einen Mini-Relaunch: ein Affront

Der Führungskreis beim Focus ist groß. Neben dem Verleger Hubert Burda entscheiden Vorstand Philipp Welte, Geschäftsführer Burkhard Graßmann, Herausgeber Helmut Markwort und der verbleibende Chefredakteur Uli Baur mit. Die, die Weimer im Verlag nicht mögen, sagen, dass er seine intellektuellen Ansprüche ans eigene Heft selbst nicht erfüllen konnte. Die, die Markworts und Baurs Kurs ablehnen, sagen, dass das Heft unter ihrer Führung keine Zukunft mehr hat.

Ganz sicher haben die ungeordneten Machtverhältnisse zu Weimers Misserfolg beigetragen. Statt das Heft, das er bis heute als "sein" Heft versteht, aus der Hand zu geben, war Markwort - mit dem Segen des Verlegers - vom Dienstantritt bis zum nun erfolgten Abschied seines Nachfolgers im Blatt präsent. Unmittelbar bevor Weimer kam, gab es einen Mini-Relaunch des Focus. Ein Affront. Zur Begrüßung musste der Neue dann gleich eine Heftpreiserhöhung und Kündigungen mittragen.

Und so ging es unmunter weiter.

Zuletzt setzte Markwort vor ein paar Wochen durch, dass sein "Tagebuch des Herausgebers" auf die letzte Heftseite rutschte. Er kommentiert das Weltgeschehen seither jede Woche an prominenter Stelle. Seine Chefredakteure, die vorne im Blatt außerdem eine Textspalte weniger Platz haben als er, mussten sich im Wochenrhythmus abwechseln. Deutlicher kann man den eigenen Willen zur Macht und Mitsprache kaum ausdrücken. Markworts Heft liegt am Boden. Aber er ist ganz obenauf.