Macht und Medien Europas Medien und die Populisten

Alexander Gauland - einer der AfD-Spitzenkandidaten während eines Fernseh-Interviews. Sein Markenzeichen: eine jagdgrüne Hundekrawatte.

(Foto: picture alliance / Ralf Hirschbe)

Ob Front National oder Cinque Stelle: Auch im europäischen Ausland müssen Fernsehsender und Zeitungen im Umgang mit populistischen Parteien das richtige Maß finden.

Von SZ-Korrespondenten

Die Frage, ob ARD und ZDF den Erfolg der AfD erst möglich gemacht haben, wird auch eine Woche nach der Bundestagswahl heftig debattiert. Der Blick über die Grenze zeigt, dass das Thema auch das europäische Ausland bewegt: Über den richtigen Umgang mit Populisten wird nicht nur in Deutschland gestritten.

Österreich

Heinz-Christian Strache ist gerade mal wieder omnipräsent. Wer in Österreich den Fernseher einschaltet, kann dem Chef der FPÖ kaum entkommen, der auf allen Kanälen seine Weltsicht verbreitet. Im laufenden Wahlkampf für die Parlamentswahl am 15. Oktober duelliert er sich fast täglich mit irgendeinem Spitzenkandidaten der anderen Parteien. Und er weiß das meist zu nutzen mit pointierten Auftritten.

Heinz-Christian Strache, Politiker der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs, wird von seiner Ehefrau Philippa zu einer TV-Debatte begleitet.

(Foto: AFP)

An den rechtslastigen Freiheitlichen kann und will schon lange niemand mehr vorbei in der Medienlandschaft. Schon Jörg Haider, der die FPÖ in den Achtzigerjahren groß machte, wurde gern als Quotenbringer in die TV-Talkshows eingeladen - und das nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland. Dass die Medien sich dabei oft sehr kritisch mit der FPÖ auseinandersetzen, stört die Partei dabei herzlich wenig. Denn erstens ist sie im Gespräch, und zweitens gibt ihr das die perfekte Vorlage, um unter dem Beifall der eigenen Klientel über "Kampagnenjournalismus" zu klagen.

Sind die Medien Schuld am Erfolg der AfD?

Nach der Bundestagswahl wird der Vorwurf laut, die Berichterstattung von Sendeanstalten und Verlagen hätte den Erfolg der AfD überhaupt erst ermöglicht. Aber stimmt das wirklich? Von Karoline Meta Beisel, David Denk und Alexandra Föderl-Schmid mehr ...

Bei der Propagierung ihrer Botschaften ist die FPÖ ohnehin längst nicht mehr auf die von ihr geschmähte "Systempresse" angewiesen. Sie setzt vielmehr auf ein besser zu steuerndes mediales Paralleluniversum. Bei den Interaktionen in den sozialen Medien ist sie mit Abstand die Nummer eins vor den Konkurrenten von ÖVP und SPÖ. Zudem nutzt sie parteinahe, doch angeblich unabhängige Webseiten wie unzen-siert.at. Dort wird die Anhängerschaft be-dient mit Überschriften wie: "Mann mit Messer und Akzent überfällt Tankstelle" und erfährt außerdem, dass "SPÖ und ÖVP unwählbar" sind. Peter Münch

Niederlande

Der Populismus hat Politik wie Medien in den Niederlanden nachhaltig verändert. Das begann 2001, als der Soziologieprofessor Pim Fortuyn die Bühne betrat: knallhart gegen Migration, gegen den Islam, gegen die Linke, aber eben auch intelligent, schillernd, schwul, witzig. Für die Medien ein neues Phänomen. Seine Ermordung durch einen Umweltschützer war ein Schock, 2004 folgte ein noch größerer, als ein Islamist den Regisseur Theo van Gogh erschoss. Gewissheiten wackelten. Ab 2006 machte Geert Wilders mit immer schärferen Thesen von sich reden. Sein Anti-Islam-Film "Fitna" und das folgende Gerichtsverfahren sicherten monatelange Aufmerksamkeit. Wenn das Fieber abflaute, legte Wilders nach; am liebsten per Twitter, der Direktleitung zum Volk.

Geert Wilders, PVV, erreicht eine Wahlstation in einer Reihe aus Jornalisten und Sicherheitspersonal.

(Foto: AFP)

Vor allem bei linksliberalen Medien wie der Volkskrant oder weiter in der Mitte bei NRC Handelsblad setzte eine intensive Debatte ein: Berichten wir zu viel über diesen Mann? Eher zu wenig, schrieb 2008 ein Volkskrant-Redakteur. Man müsse sich ernsthafter mit Wilders' Themen befassen, er wisse, was die Menschen bewege. Die Ombudsfrau der Zeitung ergänzte, das Blatt dürfe nicht nur der eigenen Gemeinde predigen, es müsse ein Spiegel des gesellschaftlichen Gesprächs sein. Beide Zeitungen haben sich entsprechend geöffnet, bieten auch Autoren Platz, die eher auf Wilders' Linie argumentieren. Das hat die Diskussion belebt.

Über den Umgang mit dem Populismus wird aber weiterhin gestritten. Denn diese Gefahr besteht: Im Bemühen um Ausgewogenheit haben die Medien Wilders derart "normal" werden lassen, dass kaum noch notiert wird, welche Ungeheuerlichkeiten er von sich gibt. Thomas Kirchner