Livechat-Aktion "Sag's mir ins Gesicht" Auf einmal bleibt der Hass aus

Mit der Aktion der Tagesschau "Sag's mir ins Gesicht" will Chefredakteur Kai Gniffe Hatespeech entgegentreten.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Die "Tagesschau" stellt sich ihren ärgsten Kritikern und holt diese aus der Anonymität des Netzes. Aber was, wenn sich der Gegner einfach nicht aus der Deckung wagt?

Von Hans Hoff

Man muss was tun gegen die Hassreden im Internet. Gegen die oft beleidigenden Kommentare, die etwa Zuschauer der Tagesschau und Tagesthemen bei Facebook hinrotzen. Gegen die Beleidigungen, die Trolle aus purer Lust am lauten Streit hinterlassen. Dem wollen sie bei der Tagesschau nicht länger tatenlos zusehen. "Stattdessen wollen wir denen in die Augen schauen, die am lautesten schreiben", hieß es, als die Aktion "Sag's mir ins Gesicht" angekündigt wurde: Wer wollte, könne seine Fragen und Kritik in einer Videotelefonie-Schalte loswerden. Einmal den Hassrednern Paroli bieten, das war wohl der Plan.

Der ist zum Start am Sonntag nicht so ganz aufgegangen. Da saß pünktlich um 19 Uhr, also wenn die Konkurrenz aus Mainz ihre heute-Sendung ausstrahlt, Tagesschau-Chef Kai Gniffke im Facebook-Chat und wartete auf Menschen, die ihm via Skype einmal so richtig hässlich die Meinung geigen würden. Eine Stunde lang wollte er sich den Hatern stellen. "Sagen Sie mir ins Gesicht, was Ihnen stinkt an der Tagesschau", forderte er.

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Trotz teilweise unterirdischer Tonqualität der Skype-Übertragungen sah es anfangs tatsächlich kurz so aus, als könne das Vorhaben gelingen. Da saß schon als zweiter Gesprächspartner ein älterer Herr im Unterhemd vor der Kamera und wirkte wie der Prototyp des Wutbürgers, zumal sein Name klang wie Programm. Doch selbst Herr Zorn ließ sich von Gniffke mit Gegenfragen erstaunlich rasch einnorden.

Am Ende der Stunde klang der Tagesschau-Chef dann tatsächlich ein bisschen enttäuscht. "Das war ein sehr, sehr respektvoller Umgang miteinander. Das waren keine Hater", bilanzierte er. Es wurde durchaus zivilisiert miteinander geredet, und Gniffke hatte mehrfach herbe Kritik, vor allem an der Ukraine-Berichterstattung der Tagesschau einstecken müssen, es aber immer wieder geschafft, das jeweilige Gegenüber befriedet aus der Debatte zu entlassen. Wir haben vielleicht nicht immer alles ganz hundertprozentig richtig gemacht, aber wir strengen uns künftig ein bisschen mehr an, lautete jedes Mal der unausgesprochene Subtext, der sogar ein stimmstarkes AfD-Mitglied beruhigte, das ansonsten bei der Tagesschau auf Facebook für Kommentare gesperrt ist.

Frauen wie Anja Reschke und Dunja Hayali haben einschlägige Erfahrungen mit Hass im Internet

Ein bisschen wirkte die ganze Aktion wie der Versuch, die Probleme des Internets mit den Mitteln des Fernsehens zu lösen; sie fügt sich ein in eine Reihe von Unternehmungen der ARD, sich durch öffentlichkeitswirksamen Umgang mit Kritik ein bisschen zu profilieren. Gniffke selbst stellt sich in konkreten Krisensituationen den Fragen der Zuschauer im Facebook-Chat, 2015 ließen sich die Intendanten Tom Buhrow (WDR) und Lutz Marmor (NDR) in einem sogenannten Check von ihren Zuschauern und Kritikern befragen. Auch dort ging es nicht wirklich heftig zur Sache, selbst wutschnaubende Bürger wurden in Windeseile durch die Gesetze des Mediums und die diplomatische Biegsamkeit der Intendanten (Eine sehr gute Frage; ich nehme das mal als Anregung mit) zu friedfertigen Bittstellern.

Vom Hass, der im Internet und sonstwo kreist, keine Spur. Aber man hatte mal drüber geredet.

Der Termin mit Gniffke war nur der Start der Sag's-mir-ins-Gesicht-Aktion. Für den Montagabend stand Panorama-Moderatorin Anja Reschke auf der Chat-Liste, ihre Anrufer waren ähnlich zivil, Reschke selbst aber etwas weniger diplomatisch als Gniffke. Die weibliche Erweiterung war jedenfalls bitter nötig, denn erfahrungsgemäß werden Frauen wesentlich heftiger von Hassrednern im Netz angegangen.

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Nicht nur Anja Reschke hat da nach Tagesthemen-Kommentaren ihre Erfahrungen gemacht, auch die ZDF-Morgenmagazin-Moderatorin Dunja Hayali weiß, wie es ist, von böswilligen Kommentatoren sonst wohin gewünscht zu werden. Beide Frauen haben sich bei Facebook lange und ohne institutionelle Unterstützung gegen den Hass zur Wehr gesetzt. Der ARD dürfte es durchaus gefallen, sich in diesem Kampfgeist etwas zu sonnen.

Die Gniffke-Gesprächspartner waren auf jeden Fall durchweg Männer, bei Reschke meldete sich eine einzige Frau. Wenn man annehmen darf, dass die vorgeschalteten Redakteure, die bestimmten, wer sich mit Gniffke unterhalten durfte, keine Meldungen von Frauen unterdrückt haben, dann wirft das ein sehr aufschlussreiches Bild auf die Verhältnisse im Netz, denen die öffentlich-rechtlichen Macher nach wie vor eher hilflos gegenüberstehen. Denn Aktionen wie "Sag's mir ins Gesicht" zeigen auch sehr fein, wie hilflos eine Auseinandersetzung sein kann, wenn sich der Gegner einfach nicht stellen will.