Letzter "Polizeiruf 110" aus Halle Vom Ende der Onkelhaftigkeit

"Unser Bauchgefühl, das zählt einfach nicht mehr": Winkler und Schwarz.

(Foto: dpa)

Mit "Laufsteg in den Tod" kam der 50. und letzte "Polizeiruf 110" aus Halle, die Ermittler Schwarz und Winkler gehen in Rente. Wenigstens offenbarte sich ganz zum Schluss der finalen Episode noch mal eine Qualität guter TV-Kommissare.

Von Cornelius Pollmer

Auf den echten wie den abgefilmten Straßen in Halle an der Saale ist so viel los wie lange nicht mehr. Ende Januar schrauben Mitglieder der Rockerbande Bandidos das Schild an ihrem Clubhaus ab, das Landeskriminalamt bestätigt: Die Bandidos verlassen die Stadt. Schlechte Nachricht für Halle: Die Hells Angels werden die Unterwelt übernehmen. Anfang März nun gehen zwei wichtige Hauptkommissare in Rente, am Sonntag läuft der letzte Polizeiruf mit Herbert Schmücke (Jaecki Schwarz) und Herbert Schneider (Wolfgang Winkler). Schlechte Nachricht für Halle: Die Nachfolger Claudia Michelsen und Sylvester Groth werden in Magdeburg ermitteln.

Es gab in den vergangenen Jahren so viele Wechsel und Neuvorstellungen von Fernsehkommissaren, dass man ein Panini-Album damit füllen könnte. Wenn nun Schmücke und Schneider gehen, entfernt sich der Polizeiruf 110 einen letzten großen Schritt von seinem Ursprung. Das Format startete 1971 im Deutschen Fernsehfunk als Reaktion auf den Tatort, und es wurde eine der wenigen erfolgreichen Antworten der DDR auf Erfolge des Westens. Viele der alten Folgen gibt es in voller Länge auf Youtube. Sie zeigen "die Oberfläche der DDR", wie es Uwe Tellkamp formuliert hat, und tatsächlich liegt der dokumentarische Wert weit über dem künstlerischen.

Der Polizeiruf ist nach der Wende ein gesamtdeutsches Format geworden, derzeit wird er im Wechsel von MDR, RBB, BR und NDR produziert. Die MDR-Ausgabe fällt in der Reihe nicht so sehr durch etwas speziell Ostdeutsches auf, sondern vor allem durch ihre Behäbig- und Onkelhaftigkeit. Im ersten gemeinsamen Polizeiruf von Schmücke und Schneider 1996 dauerte es mehr als eine halbe Stunde, bis der erste Tote zu sehen war - zumindest dies geht in der 50. und letzten Folge schneller.

Mädchen verbiegen sich vor Baggern

Der "Laufsteg in den Tod" beginnt vor den mächtigen Schwenkbaggern von Ferropolis, einer Stadt aus Eisen also, in der das Tagebauwerk verrichtet ist und zur Industriekultur rückgebildet wurde. Vor den Baggern verbiegen sich Mädchen für einen Fotografen, getragen von der Utopie, damit dem Job an der Kasse im Discounter zu entkommen. In Wahrheit führen die Verträge der Casting-Agentur schlimmstenfalls nach Tschechien, wo die Frauen als Karlsbader Schnitten in der Prostitution enden.

Für eines der Models geht es weder nach Karlsbad noch Paris noch an die Kasse zurück. Stattdessen wird es von einer ordentlichen Dosis Blauer Eisenhut auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt. Als Schmücke und Schneider den Modelwettbewerb darum absagen wollen, versucht Agentin Sylvia Gregori (Sonja Kirchberger) die Arbeitgeber-Trumpfkarte in der strukturschwachen Gegend zu ziehen: "Wissen Sie, was das für die Region bedeutet?"

Für die Region bedeutet das erstmal, dass Schmücke und Schneider sich in das Seehotel in der Nähe einmieten und Gerätschaften aufbauen, die demnächst auch Industriekultur werden. Beweise landen auf einem als Overhead-Projektor getarnten Polylux, das Aufnahmegerät hat die Größe eines Betamax-Recorders. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf Gregori und ihren Mann und kommen nur schleppend voran. Da sind zwei Drittel des Films vorbei und man hat nicht viel mehr gehört als routinierte Hasch-mich-Halbsätze. Als etwa Gregori erfährt, dass sie unter Verdacht steht, gefrieren die Augen zu Eisbonbons: "Sie glauben doch nicht, dass ich . . . ?"

Nachsicht folgt auf Einsicht

Das wäre ein wenig ermüdend, würde man zwischendurch nicht ständig durch handwerkliche Mittelmäßigkeiten aufgeschreckt. Es ist bemerkenswert, wie häufig in dem Polizeiruf Menschen durchs Bild huschen sollen - und wie oft sie dabei wirken, als wären sie unabsichtlich durchs Set gelaufen.

Man sieht die Ermittler und ihre Überforderung, doch mit der Einsicht von Schneider kommt auch die Nachsicht des Zuschauers. Kurz vor Schluss sagt Schneider sorgenvoll: "Überall Computer, Rasterfahndung. Unser Bauchgefühl, das zählt einfach nicht mehr. Das ist einfach nicht mehr meine Zeit." Das ist auch eine Qualität guter Fernsehkommissare: zu erkennen, wann es an der Zeit ist, die Ermittlungen einzustellen.