Letzte Harald-Schmidt-Show auf Sat 1 Zeichen eines größeren Wandels
Anzeige
Ob das nun Neid verursacht angesichts einer über die Jahrzehnte nicht immer gleichbleibenden Performance und so mancher Aktion, die man im Fernsehen einfach niemals machen darf, wenn man nicht Schmidt heißt und den bis zu einem bestimmten Punkt unangreifbaren Intellekt drumherum baut (z.B. Moderieren im Dunkeln oder auf Französisch): Viele Kritiker fühlen sich, wenn nicht schon vorher, dann nun verstärkt durch seinen Rauswurf bei Sat 1, bemüßigt, eine Erklärung nach der anderen zum Ende des Entertainers im öffentlichen TV auszuspucken.
Je galliger, desto wirksamer, scheint oft die Devise zu sein, und man wundert sich: Nur einen Tag bevor Schmidt seinen neuen Arbeitgeber bekannt gab, ätzte sein ehemaliger Sidekick und Redaktionsleiter Manuel Andrack im Spiegel-Interview noch darüber, Schmidt werde nie wieder irgendwo eine Anstellung finden: "Wer soll den denn noch nehmen?" Anschließend beeilte man sich, online dessen prompt widerlegte Einschätzung neu einzuordnen.
Über Harald Schmidt zu schreiben und zu urteilen, ist ja auch nicht immer ganz leicht. Schließlich geht es immer noch um die intelligenteste humorige Form von Satire im deutschen Fernsehen, abseits des klassischen Kabaretts. Oliver Welke probiert in der "Heute-Show" im ZDF recht erfolgreich ähnliches, und er ist womöglich der einzige, der das annähernd intelligent und witzig macht. Aber er benötigt dazu eine sehr deutliche Mimik als Hilfsmittel, und viele künstliche Pausen, um klarzumachen: Hier darf jetzt gelacht werden, das war lustig. Oder eben ironisch. Das ist für ein Massenpublikum einfacher zu verstehen.
Zahlreiche Nachrichtenportale (so auch wir) sind deshalb auch auf die vermeintliche Meldung aufgesprungen, Harald Schmidt wolle der "kommende FDP-Vorsitzende von Berlin-Mitte" werden. Die FDP greift das natürlich dankbar als Wahlkampfhilfe auf. Zum Start seiner Karriere, auf ihrem Höhepunkt und noch vor ein paar Jahren wäre es kaum möglich gewesen, eine Schmidt-typische ironietriefende Aussage in einem Interview für bare Münze zu nehmen - oder sich zumindest darüber nicht ganz sicher zu sein. Inzwischen aber ist der Medienbetrieb sehr viel schneller geworden, nicht nur die Möglichkeiten, auch die Notwendigkeiten, auf alles und jeden zu reagieren, vielfältiger. Da kann man schon man den Überblick verlieren. Wie auch, im Privaten, über den Gesamtzustand einer sich immer schneller verändernden Welt.
Anzeige
Schmidt aber setzt, indem er Ironie als ständiges Kommunikationsmittel verwendet, darauf, dass Sprecher und Hörer wissen, dass sie bestimmte Überzeugungen teilen, man spricht in der Rhetorik von "geteilten Wissensbeständen". In der Regel basiert das Verstehen von Ironie darauf.
Kaum noch Zeit, genau hinzuhören
Wenn er nun in seiner letzten Sendung bei Sat 1 sich von der "Sommerpause" in Form eines strahlend gelb gewandeten und mit Blümchen dekorierten Olli Dittrich abholen lässt wie ein Kind im Rollwägelchen, wenn er den aufblasbaren Sat-1-Ball mitnimmt, weil man ja nie weiß, wie der Sommer wird, wenn er über die vorgezogene Sommerpause als Folge der "bösen Klimaerwärmung" witzelt, dann macht er damit eigentlich überdeutlich, dass er sich aus einem Kindergarten verabschiedet.
Immer schon hat er den Medienbetrieb und seine Auswüchse selbst auf die Schippe genommen und sich durch seine Aktionen außen vor gestellt. Nun ist er fast ganz draußen - weil er in die neue und schneller zu rezipierende Medienlandschaft nicht mehr passt. Man hat eben kaum noch Zeit, genau hinzuhören. Und genauso gut informiert zu sein wie ein hochdotierter Schmidt, der den ganzen Tag wenig anderes machen muss als informiert zu bleiben.
Zu recht schrieb ein Kritiker des Stern noch am Vortag der letzten Sendung, als Schmidt-Fan hätte man sich selbst immer dazurechnen können zur "Durchblicker-Gilde". Weil er die "Codes der Gebildeten" bediene. Dass man ihm nun aber "böse" sein müsse, dass er durch seinen Abgang aus dem Free-TV dieses Wissen "über uns selbst" für immer mitnehme, ist Quatsch. Man kann nun eben sein eigenes Ego und das von Schmidt nicht mehr gratis streicheln (lassen), sondern man muss dafür bezahlen. Vorerst.
Denn Schmidt wird damit nicht für immer von der Free-TV-Bühne verschwinden. Er wird nur - mal wieder - neue Wege finden. Die ständige Forderung etwa an ihn, er müsse sein Publikum "besser abholen", hat er in seiner letzten Show bei Sat 1 gekonnt umgesetzt - ironisch, versteht sich. Indem er ein Rentnerehepaar in seinem Jaguar persönlich zu seiner Show kutschierte, freundlich plaudernd auch über sein Privatleben, das er sonst strikt abschirmt von der Öffentlichkeit. Auch schon wieder ein ironischer Seitenhieb - für den, der versteht. Genau wie die in seiner Show feierlich inszenierte Verabschiedung vom gebührenfinanzierten "Sonnendeck".
Der Anfang von etwas neuem
Außerdem hat Schmidt, abseits der Andeutungen, zusätzlich immer eine sehr zotige Form der Ironie gepflegt, für das Massenpublikum. Wenn er "Klassiker des Herrenwitzes" von einem ausgebildeten Sprecher vortragen lässt, also Witze der alleruntersten Schublade mit dem überheblich-gemächlichen Gestus eines Vertreters des arrivierten Kulturbetriebs konterkariert, dann kann das beiden Arten von Zuschauern gefallen: Denen, die darin Ironie erkennen, und den anderen. Muss es aber nicht.
Und womöglich markiert das Ende von Harald Schmidts Karriere im Gratis-TV zwar auch das endgültige Ende der zum Ausklang des vergangenen Jahrtausends noch gern überall und öffentlich zur Schau getragenen Ironie. Doch es ist zugleich ein Anfang von etwas neuem: Dass Schmidt nun zu einem Bezahlsender wechselt, ist längst nicht mehr so abwegig wie es noch vor ein paar Jahren hätte erscheinen können. Die Medienlandschaft verändert sich eben immer schneller.
Ausgerechnet Schmidt, dem dann 55-Jährigen, könnte mit seiner neuen Show im Herbst der Anfang von etwas gelingen, was die Zukunft wohl für uns alle bereithält: Die Verbindung von Internet und TV, die Zuschneidung des persönlichen Medienverhaltens auf persönliche Interessen - und womöglich auch die Bereitschaft, für angeblich kostenlose (doch in der Tat nur querfinanzierte) Inhalte auch mal persönlich zu zahlen, anstatt eine diffuse Masse dafür aufkommen zu lassen. Das könnte nun gerade ein Harald Schmidt zumindest anstoßen, der angeblich so Ewiggestrige. Was für eine Ironie.