"Letzte Ausfahrt Gera" im ZDF Man hört Beate Zschäpe zum ersten Mal sprechen

Autofahrt zur Oma: Die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe (Lisa Wagner) und BKA-Verhörspezialist Troller (Joachim Król), der sie nicht verhören durfte.

(Foto: ZDF und Janett Kartelmeyer)

Im ZDF läuft der erste deutsche Fernsehfilm über Beate Zschäpe. Die Figurenzeichnung wirkt gelungen: Sie deckt sich mit dem Bild der Frau im Gerichtssaal.

Von Renate Meinhof

Sie spricht nicht, nein, denn nicht mit Worten erklärt sich diese Frau. Etwas an ihr aber spricht ganz deutlich, seitdem dieses Gesicht aus dem Nationalsozialistischen Untergrund ins Bewusstsein des Landes getreten ist: Ihre Haare sprechen. Beredt sind sie, und eigenwillig, die langen, dunklen Haare der Beate Zschäpe, ein kraftstrotzender Gesichtsrahmen, eine prachtvolle Gardine.

Menschen mit schönem, kräftigem Haar bekommen ja immer gesagt, was für schönes, kräftiges Haar sie haben, und wer kräftiges Haar hat, der muss ein starker Mensch sein, ein robuster Charakter. Ist es nicht so? Jahrtausende alte Geschichten erzählen davon, Samson, der die Philister schlug, im Buch Richter, aus der Kraft seiner Haare.

Die Schauspielerin Lisa Wagner muss sich über Beate Zschäpes Haare jedenfalls auch ihre Gedanken gemacht haben, denn man merkt, dass sie sehr gezielt mit dieser Pracht umgeht, die ihr da für den Film gewachsen ist.

Einmal, erzählt sie, habe sie auch im Münchner Gerichtssaal gesessen und ihr, Beate Zschäpe, zugesehen, "um ein Gespür zu bekommen". Und nun zeigt sie es, das feine Gespür für die Darstellung dieser Frau, genauso wie ihr Kollege Joachim Król ein sehr gutes Gespür für seine Rolle hat. Er spielt Troller, den Verhörspezialisten des BKA.

Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe, so heißt das Doku-Drama, das der Regisseur Raymond Ley für das ZDF hat entstehen lassen; es ist der erste Fernsehfilm über Beate Zschäpe und den NSU, im März und im April werden in der ARD drei weitere folgen.

Unterstellt man, dass die Dialoge wirklich so stattfanden, hört man Zschäpe zum ersten Mal sprechen

Es ist ein heikles Unterfangen, einen Film über eine Frau zu machen, die noch vor Gericht steht, die also ihr Urteil nicht schon vorher bekommen darf, auch nicht im Fernsehen.

Grundlage des Drehbuchs ist das Protokoll einer sehr besonderen Autofahrt. Am Morgen des 25. Juni 2012 holten zwei BKA-Beamte die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe im Kölner Gefängnis ab und fuhren mit ihr Richtung Osten, in die Haftanstalt nach Gera, damit sie dort mit ihrer kranken Großmutter sprechen konnte. Die Oma lebt in Thüringen.

Danach ging es wieder zurück an den Rhein. Über die lange, strengstens abgesicherte Kurzreise mit Beate Zschäpe verfassten die beiden Beamten einen zwölfseitigen Vermerk. Schrieben auf, wie Zschäpe über ihre Familie, die Temperatur in der Zelle, das Essen, das Rauchen, den Kinderwunsch, das Verdrängen - und über ihre Haare redet.

Wenn man unterstellt, dass diese Dialoge tatsächlich so stattgefunden haben, wie sie aufgeschrieben wurden, dann hört man Beate Zschäpe also jetzt zum ersten Mal reden. Das scheinbar Belanglose, ihre Selbstkontrolle lässt Züge ihres Charakters ahnen. Mehr als Ahnungen sind es nicht, aber genau das ist richtig so, denn der Zuschauer bleibt in der Freiheit, sich die Ahnungen zum eigenen Bild zusammenzusetzen.

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Aufklärung über die Morde, die auch ihr zur Last gelegt werden, haben die Beamten nicht bekommen. Denn das war doch die Hoffnung: Dass sie irgendetwas zur Aufklärung sagt, in diesem lockeren Rahmen, und ihre Kindheitslandschaften ziehen vorbei - , auch wenn das nie hätte gerichtlich verwertet werden können.

Die Autofahrt zur Oma, kein Anwalt dabei, durfte kein Verhör sein. Im Grunde war diese Reise eine der absurden Verrenkungen des Rechtsstaates, der von Anfang an so entsetzlich versagt hatte, dass zehn Menschen Opfer wurden, und deren Angehörige auch.

Im Film kommen sie endlich zu Wort, und zwar so, dass es einen nicht unberührt lassen kann. Die Gespräche aus dem schwarzen Kleinbus, der mit Zschäpe über die Autobahnen rauscht, werden gegengeschnitten mit diesen fragenden, gezeichneten Gesichtern derer, die zurückbleiben, mit Szenen aus dem Gerichtssaal in München, mit Bildern der Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, mit den Fotos der Tatorte, der hingerichteten Opfer.

Dem Versagen des Rechtsstaates bei den Ermittlungen, dem Vertuschen und Vernichten von Akten, all dem also, was als Erschütterung in der Öffentlichkeit bis heute wirkt, hätte in diesem nachhallenden und sehr gelungenen Film aber noch mehr Raum gegeben werden sollen.

Die Filmemacher hatten Glück. Als Beate Zschäpe ihren Anwalt nach 248 Verhandlungstagen des Schweigens im Dezember eine Erklärung vorlesen ließ, wussten sie, dass sie richtig lagen. Das Bild, das die Angeklagte heute von sich zeichnet, legt sich klar und bruchlos über die Bilder des Films. Es scheint zu passen: Da ist die liebende Frau, die einsame Hintergrundfrau, zwischen leeren Sektflaschen schwankend, voller Angst vorm Gefängnis - und kraftlos.

Irgendwie kommen Beate Zschäpe die Haare wirklich in die Quere, denkt man. Sie sagen so kraftvoll das Gegenteil.

Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe, ZDF, 20.15 Uhr.