Zahlreiche journalistische Beiträge über Winnenden empörten die Leser. Nun veröffentlicht der Presserat einen Leitfaden für Berichte über Amokläufe.
Der Deutsche Presserat, die freiwillige Selbstkontrolle der deutschen Presse, lässt sich Zeit bei der Arbeit. Werden Vorwürfe laut, etwa wegen Schleichwerbung oder Sensationsgier, dauert es meist Wochen bis zur Entscheidung. Erst wird eine Beschwerde "vorgeprüft". Dann, wenn sie nicht unbegründet ist, bittet der Rat das beschuldigte Blatt um Stellungnahme. Schließlich reagiert der Beschwerdeausschuss, im strengsten Fall mit einer öffentliche Rüge.
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Im aktuellen Fall hat der Presserat noch länger gewartet als sonst. In dieser Woche hat er seinen ersten "Praxis-Leitfaden: Berichterstattung über Amokläufe - Empfehlungen für Redaktionen" vorgestellt - eineinhalb Jahre nach dem letzten schlimmen Vorfall dieser Art, der Tragödie von Winnenden, bei der 15 Menschen getötet wurden.
Die Berichterstattung hat damals viele Menschen verstört. Insgesamt gingen 90 Beschwerden beim Presserat ein. Zu brachial, zu rücksichtlos empfanden viele die Artikel vor allem der Boulevardpresse, die das Blutbad in der Albertville-Realschule zum Teil mit Comic-Lageplänen und fiktiven Illustrationen ausschmückte. Nun, 18 Monate nach Winnenden, hat der Presserat die diesbezüglich fraglichen Berichte gesammelt. Das Ergebnis ist ein nüchterner, in seiner Fülle bedrückender Überblick über journalistische Fehltritte.
Der erste Teil des 50-seitigen Leitfadens umfasst zahlreiche Beispiele von Beschwerden - inklusive der Entscheidungen des Presserats und Empfehlungen, wie es anders besser geht. Der zweite Teil dokumentiert die Befunde zweier "Expertenkommissionen", vor allem jener aus Baden-Württemberg, dem Bundesland, in dem sich die Tragödie von Winnenden ereignete. Als "Leitsatz" für Journalisten heißt es da: "Eine extensive, täterzentrierte und detaillierte Amokberichterstattung ist Katalysator für Nachahmungsphantasien und -absichten amokgeneigter junger Menschen."
Natürlich müsse über Amokläufe berichtet werden, sagt Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Presserats. Es komme aber auf die Art und Weise an. Im Falle von Winnenden hätten viele Zeitungen persönliche Daten von Opfern veröffentlicht: "Ein klarer Verstoß gegen den Pressekodex", so Tillmanns. Das Thema beschäftigt ihn und den Presserat gerade wieder. Nach der Berichterstattung über die tödliche Massenpanik bei der Loveparade sind so viele Beschwerden eingegangen wie nie.
(SZ vom 08.09.2010/berr)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
7.3. PRESSEKODEX
Die Berufsethik der Presse und Publizistik wird seit 1973 durch publizistische
Grundsätze, den Pressekodex, konkretisiert und hat den Charakter einer freiwilligen
Selbstverpflichtung. Mit Blick auf die Berichterstattung in Winnenden und Wendlingen
und die darauf folgenden Rügen des Presserats seien folgende Auszüge genannt:
Achtung vor der Wahrheit, Wahrung der Menschenwürde und wahrhaftige
Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.
Die Presse achtet Privatleben, Intimsphäre und das Recht auf informationelle
Selbstbestimmung des Menschen.
Nachrichten und Informationen sind auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ihr Sinn
darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch
verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als
solche erkennbar zu machen. Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, die
sich nachträglich als falsch erweisen, sind unverzüglich richtig zu stellen.
Unbegründete Behauptungen und Beschuldigungen, Ehrverletzung, Veröffentlichungen,
die das sittliche oder religiöse Empfinden verletzen und eine unangemessen
sensationelle Darstellung von Gewalt und Brutalität sind nicht zulässig.
Bei der Recherche dürfen keine unlauteren Methoden angewandt werden. Die
vereinbarte Vertraulichkeit und das Berufsgeheimnis ist zu wahren.
Niemand darf wegen seines Geschlechts, Behinderung oder Zugehörigkeit zu
einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.
7.2. PRESSEFREIHEIT IM LICHTE DES OPFERSCHUTZES
Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte hat die Pressefreiheit zu
Recht einen hohen, verfassungsrechtlich geschützten Stellenwert. Artikel 5 des
Grundgesetzes schützt die Freiheit der Berichterstattung und untersagt eine Zensur,
setzt der Pressefreiheit in Absatz 2 aber auch Schranken: Die Vorschriften der
allgemeinen Gesetze, die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und
das Recht der persönlichen Ehre.
Die Berichterstattung am und nach dem 11. März 2009 offenbart das Spannungsverhältnis
zwischen Informationsrecht und Pressefreiheit einerseits und Opferschutz
und Nachahmungsgefahr andererseits.
Es unterstreicht einmal mehr, dass die Gesellschaft die gegenläufigen Interessen mit
Bedacht abwägen muss. Die Pressefreiheit muss gewährleistet sein, sie muss jedoch
die grundgesetzlich definierten Schranken achten.
Diese Schranken dienen dem Schutz der getöteten Kinder und Erwachsenen, ihrer
Familien und Freunde, der traumatisierten Schüler und aller Betroffenen, ebenso wie
den Bürgern von Winnenden und Wendlingen. Ihre Rechte zu achten, ist nicht nur
eine rechtliche, sondern auch eine moralische Frage, eine Frage des Respekts und
der Pietät, die eine Gesellschaft, auch eine moderne Informationsgesellschaft,
Opfern entgegen bringen muss.
7.1. NACHAHMUNGSGEFAHR DURCH VERÖFFENTLICHUNGEN UND PRESSEARBEIT
Die Untersuchung vergangener Amoktaten und die auffallende Häufung
entsprechender Drohungen unmittelbar nach Amoktaten machen deutlich, dass eine
Kausalität zwischen Berichterstattung und Nachahmung, ein so genannter Wertheroder
Copycat-Effekt, besteht33.
Die meisten Amoktäter haben sich in der Vortatphase intensiv mit bekannten
Amoktaten, wie bspw. der Vorgehensweise in Columbine oder Erfurt beschäftigt,
besaßen entsprechende Literatur oder recherchierten darüber im Internet.
Detailinformationen bis hin zu Ermittlungsakten oder Rankinglisten34 nach Anzahl der
getöteten Opfer sind im Internet öffentlich zugänglich und bieten eine
Handlungsanleitung für die Vorbereitung und Durchführung von Amoktaten.
Eine wiederkehrende Parallele ist die Beschäftigung und Identifikation mit bekannten
Amoktätern, Massen- und Serienmördern, die als Helden wahrgenommen werden.
Die überdurchschnittlich hohe mediale Aufmerksamkeit bestätigt potentiellen Tätern,
dass sich auch ihr Wunsch nach Aufmerksamkeit und Macht durch einen
Massenmord in Form eines Amoklaufs „erfolgreich“ verwirklichen lässt und sie durch
die Medien – auch wenn das nicht deren Absicht sein mag - eine einmalige Bühne
erhalten und posthum weltbekannt werden können35.
ALS LEITSATZ MUSS FESTGEHALTEN WERDEN:
Eine extensive, täterzentrierte und detaillierte Amokberichterstattung ist Katalysator
für Nachahmungsphantasien und -absichten amokgeneigter junger Menschen.
Ähnlich wie bei Suiziden kann von der Medienberichterstattung bei Amoktaten eine
besondere Verantwortung mit Blick auf Nachahmungstaten erwartet werden.
Adressaten sind neben der Presse aber auch staatliche Pressestellen, Auskunft gebende Verantwortliche, Opfer, Zeugen und Experten. Im Zeitalter von Twitter und
Youtube muss sich jeder Einzelne über die Verantwortung der Informationsverbreitung
bewusst sein.
In Deutschland ist vieles verboten, beschränkt oder wird nicht gern gesehen.
Ein Amoklauf ist eine schlimme Sache, da sind wir uns einig. Wie soll denn bitte eine Berichterstattung aussehen, die abgeschwächt wird? So eine Berichterstattung wird der Situation nicht gerecht. Auch Berichte die "über die Stränge schlagen" sind berechtigt, denn die Auseinandersetzung mit einer schlimmen Sache tut nun mal weh.
Eine Beschränkung würde Allem nur einen harmlosen Anstrich verleihen.
Aber ein Amoklauf ist nicht harmlos!
was passiert aber mit den vielen waffen aus Deutschland, die im Ausland auf Schwarzmärkten erhältlich sind?
Ist uns egal, ob morgen vielleicht einer inden Emiraten, in Afghanistan, in Somalia, im Kongo oder in Georgien durchdreht?
Haben die deutschen Waffenroduzenten keine Verantwortung gegenüber fremden Menschen?
Was gibt es für Atlernativen zur Waffenherstellung?
Wissen Sie wie lange eine Nähmaschine (wurde vorher oft produziert 9 und wiev lange eine Waffe benutzbar ist?
(Deutschland ist weltweit der drittgrößte Waffenexporteur)
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