"Late Night Berlin" mit Klaas Heufer-Umlauf Das Sakko ist ihm noch zu groß

Wofür stehst du? Das verlief sich in der ersten Sendung von Klaas Heufer-Umlauf ein bisschen im "Labyrinth der Macht".

(Foto: Annette Riedl/dpa)

Klaas Heufer-Umlauf moderiert seine erste eigene Late-Night-Show auf ProSieben. Und verliert sich in dem Versuch, politisch zu sein. Ein Abend voller Plattitüden.

TV-Kritik von Julian Dörr

Es ist eine Binsenweisheit, aber dann wiederum ist das Fernsehen ja auch das Medium der Binsenweisheiten und der einfachen, klaren Wahrheiten. Man sieht also an diesem Abend, gleich zu Beginn der neuen Late-Night-Show von ProSieben mit Klaas Heufer-Umlauf, die den einfachen, klaren Titel "Late Night Berlin" trägt: Am Äußeren lässt sich gut ablesen, wie es um das Innere steht. Das Äußere, das ist das Sakko von Klaas. Ein Sakko, an den Schultern ein bisschen zu weit, an den Ärmeln ein bisschen zu lang.

Nun ist im Fernsehen ein Sakko eh selten einfach nur ein Sakko. In diesem Fall steht es aber sogar für das ganze Unterfangen des Abends. Ein eigener Late-Night-Talk. Ist dieses Format nicht vielleicht ein bisschen zu groß, ein bisschen zu weit? Zumal in diesem Land, das sich einerseits nach einem Late-Night-Talker von amerikanischem Kaliber sehnt, nach einem deutschen Fallon oder Colbert oder Oliver oder zur Not auch Kimmel. Andererseits aber seit den glorreichen Tagen von Harald Schmidt keinen solchen mehr hervorgebracht hat. Ganz schön großer Druck. Und man muss eines gleich vorwegsagen: Klaas Heufer-Umlauf bemüht sich an diesem Abend redlich, sein Sakko auszufüllen.

Der Moderator marschiert also auf die Bühne. Und muss erst mal innehalten. Durchschnaufen. Den Druck wegatmen. Die paar Meter vom Bühneneingang bis zu seiner Position vor der Kamera, die hätte er schon mal geschafft. Aber das muss jetzt kurz reichen. Zweifeln, zaudern. Natürlich ist das alles Inszenierung. Aber keine dumme. Eine neue Late-Night-Show, sagt Klaas, das sei ja eine deutsche Kernkompetenz: "So wie Rhythmus, Paella, Breitband." Kein sonderlich guter Witz, aber ein treffsicherer.

Deutschland, deine Late Night. Ein schwieriges Thema, das der Gastgeber recht souverän anzupacken weiß. Gleich zu Beginn hebt er den Abend auf die Metaebene. Die Studioband spielt einen Tusch. Klaas: "Wenn Sie dieses Geräusch hören, dann habe ich gerade einen sehr guten Witz gemacht." Selbstironie ist Standardware im Unterhaltungsbusiness, sicherlich. Selbstironie hat aber auch eine ganz akute Nebenwirkung: Menschlichkeit. Wer selbstironisch ist, der will immer auch das eigene Scheitern schon im Voraus ein bisschen abfedern.

Nach ein paar müden Trump-Witzen und einem Rundumschlag gegen das neue Bundeskabinett (einziges Highlight: ein ganz sacht hingeätzter Seehofer-Hitler-Vergleich), ist der klassische Stand-up-Einstieg dann auch schon überstanden. Jetzt kann es nur besser werden. Weil: Stand-up kann eh keiner in Deutschland. Nicht mal Böhmermann.

Es gibt eine Frage, die sich ein Late-Night-Talker gefallen lassen muss, die die Guten von den Schlechten trennt, die Gretchenfrage der Late Night sozusagen, und die geht so: Wie hältst du's mit der Haltung? Hat man eine oder nicht? Harald Schmidt, der große Zyniker, stand seinerzeit über alles und jedem. Machte sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten, nur mit einer witzigen. Das ist eine Haltung. Jan Böhmermann, der Satire-Aktivist und Verfassungspatriot, rappt Lobeshymnen auf das Grundgesetz und die Staatsgewalt und singt "Die Gedanken sind frei" für Deniz Yücel. Das ist eine andere. Und wo steht Klaas?

Wofür soll das alles gut sein?

"Late Night Berlin" ist eine sehr politische Sendung. Zumindest auf den ersten Blick. Im Zentrum der ersten Folge steht ein aufwendig produzierter Sketch namens "171 Tage im Laberinth der Macht". Das Team von Klaas Heufer-Umlauf hat dazu ein paar Freiwillige eingesammelt, die sich ausmalen sollen, wie das wohl so gelaufen sein könnte in den Hinterzimmern der Berliner Republik. Von den gescheiterten Jamaika-Sondierungen bis zum Koalitionsvertrag von Union und SPD.

Da stehen nun also ein paar Menschen vor der Kamera, die den Schauspielern im Film dumm-dödelige Dialoge in den Mund legen. In den ersten zwei, drei Minuten ist das ja noch ganz witzig. Aber dann geht es weiter. Und weiter.

Die "171 Tage im Laberinth der Macht" sind groß angelegt. Zu groß. Sie nehmen viel zu viel Raum ein in dieser einstündigen Sendung. Denn die Frage bleibt offen: Was ist das Ziel dieses Einspielers? Was ist die Erkenntnis? Etwa dass die Bürger doof sind und sich in Vorurteilen ergehen, wenn man sie nur lässt? Ziemlich viele Polit-Plattitüden für einen Late Night Talk, der sich so politisch gibt.

Eine Beobachtung, die auch Anne Will macht, die sehr gut ausgewählte Gästin der ersten Folge von "Late Night Berlin". Und die Klaas im Gespräch über ihre eigene Talkrunde gleich damit konfrontiert, dass er mit seinen Fragen gerade nur an der Oberfläche von Politik-Klischees kratzt. "Late Night Berlin" und Klaas Heufer-Umlauf wollen Haltung zeigen, so viel wird in dieser Stunde klar. Wie genau diese aussehen soll, jedoch noch nicht.

Das Studio von "Late Night Berlin" ist übrigens sehr schön. Sehr viel Holz, sehr viel Freiraum. Und nach oben offen.

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