"La Tribune" stellt Print ein Nur noch im Netz

Der dramatische Leserschwund bei Frankreichs nationalen Zeitungen fordert ein weiteres Opfer: Die Wirtschaftszeitung "La Tribune" stellt nach 26 Jahren ihre Printausgabe ein und erscheint nur noch online - nach "France Soir" bereits das zweite große französische Blatt. Die Krise scheint nun auch die Politik zu bewegen.

Von Stefan Ulrich

Es sind deprimierende Wochen für die französische Tagespresse mit nationaler Bedeutung. Am 13. Dezember 2011 stellte der einst von Millionen Menschen gelesene France Soir sein Erscheinen auf Papier ein. Er vegetiert im Internet fort. An diesem Montag kommt La Tribune zum letzten Mal als Tageszeitung in die Kioske. Nach 26 Jahren muss die Wirtschaftszeitung wegen finanzieller Probleme aufgeben. Auch sie wird lediglich Online und vielleicht noch in einer gedruckten Wochenausgabe fortbestehen. Die Redaktion sieht darin ein böses Omen für die ganze französische Presse.

"Die Zeitung hört auf, latribune.fr macht weiter" - mit diesen Worten verabschiedet sich das Blatt von seinen Lesern. Diesen Montag wird das Pariser Handelsgericht darüber entscheiden, wie es mit La Tribune weitergeht. Zwei Übernahmeangebote liegen vor.

Das erste stammt von dem Regionalzeitungsunternehmen France Économie Régions und der Gruppe Internet Hi-Media. Sie wollen 50 der 165 Mitarbeiter von La Tribune übernehmen, mit ihnen eine auch auf lokale Wirtschaftsnachrichten spezialisierte Internet-Zeitung machen und jeweils freitags eine gedruckte Wochenzeitung herausbringen.

Der Finanzfonds LFPI, der das zweite Angebot vorgelegt hat, will sich mit nur noch 40 Angestellten allein aufs Online-Geschäft beschränken. Die Redakteure der Wirtschaftszeitung haben sich widerstrebend für Offerte Nummer eins entschieden, die sie als kleineres Übel empfinden. Sie beklagen jedoch ein "soziales Gemetzel".

La Tribune wurde im Jahr 1985 gegründet, um der Wirtschaftszeitung Les Échos Konkurrenz zu machen. Die Zeitung hatte jedoch immer wieder mit Verlusten zu kämpfen. Sie wechselte mehrmals ihre Besitzer und das Erscheinungsbild. 1993 kaufte der Luxusgüter-Konzern LVMH (kurz für Louis Vuitton und Moët Hennessy) das Blatt, um es 2007 für einen Euro an den Unternehmer Alain Weill zu veräußern.

Steter Abwärtstrend trotz mehrfacher Eigentümerwechsel

Dieser gab die defizitäre Tribune dann 2010 zum selben Preis an deren Generaldirektorin Valérie Decamp weiter. Auch sie konnte den Abstieg nicht aufhalten. Während die Zeitung im Jahr 2000 eine verkaufte Auflage von 91 000 Exemplaren erreichte, waren es 2011 nur noch etwa 64 000.

Die Redaktion beklagte vor kurzem in einem "Brief an die Leser", in Frankreich stehe die pluralistische Wirtschaftsberichterstattung auf dem Spiel. La Tribune habe sich als unabhängiges, journalistisch erfolgreiches Blatt erwiesen - 2011 zum Beispiel bei der Enthüllung der Neubesetzungen an der Spitze des Atomkonzerns Areva und von Air France. Die ganze Tagespresse leide an Finanzproblemen, warnten die Redakteure in ihrem Schreiben. Die Zeitungslandschaft in Frankreich werde nicht von Verlegern, sondern von großen Industrieunternehmen beherrscht. Dies mache die Leser misstrauisch.

Tatsächlich werden in Frankreich deutlich weniger nationale Tageszeitungen gelesen als zum Beispiel in Deutschland. Die Krise der Zeitungen scheint auch die Politik zu bewegen. Arbeitsminister Xavier Bertrand erklärte in der vergangenen Woche, die gedruckte Ausgabe der La Tribune werde ihm fehlen. Er lese regelmäßig die Tageszeitungen - allerdings auf dem iPad.