Kritische Berichterstattung China weist ausländische Journalistin aus

Die chinesischen Behörden erhöhen den Druck auf regimekritische Medien. Eine Korrespondentin des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira musste das Land verlassen. Es ist der erste Fall dieser Art seit 14 Jahren.

Die chinesischen Behörden haben eine ausländische Journalistin ausgewiesen - zum ersten Mal seit 14 Jahren. Der englischsprachigen Korrespondentin des arabischen Senders Al-Dschasira, Melissa Chan, sei ein neues Visum verweigert worden, teilte der Club der Auslandskorrespondenten (FCCC) in Peking mit. Der Verband zeigte sich "entsetzt" über die Entscheidung der chinesischen Behörden und warf ihnen vor, die Verweigerung der Papiere zu nutzen, um ausländische Journalisten einzuschüchtern und ihre Berichterstattung zu zensieren.

Melissa Chan, Korrespondentin für Al-Dschasira in China, in ihrem Büro in Peking. Aufgrund einer kritischen TV-Dokumentation musste die Journalistin das Land verlassen.

(Foto: REUTERS)

Auf Twitter bestätigt Chan die Meldung: "Meine Akkreditierung wurde aufgehoben und ich werde nicht länger aus China berichten." Bereits vor einer Woche schrieb sie, dass sie den englischen Kanal von Al-Dschasira nicht verlassen werde, sondern nach ihrem Sabbatical zurückkehre. Wann und wohin die US-Bürgerin nun jedoch ausgereist ist, ist nicht bekannt.

Al-Dschasira teilte mit, dem Medienunternehmen bleibe keine andere Wahl, als sein englischsprachiges Büro in Peking zu schließen. Auch anderen Journalisten seien die nötigen Visa verweigert worden. Al-Dschasira kündigte zugleich jedoch an, mit der chinesischen Regierung an einer Wiedereröffnung des englischen Büros zu arbeiten. Der Sender berichtet aus China nun bis auf Weiteres nur auf Arabisch.

Chan gilt als erste ausländische Journalistin seit 1998, die von China ausgewiesen wurde. Damals war der Spiegel-Korrespondent Jürgen Kremb mit der Begründung, im Besitz von "Staatsgeheimnissen" zu sein, des Landes verwiesen worden. Die Ausweisung Chans wurde von offizieller Seite nicht begründet. Laut FCCC warfen die Behörden Chan aber im Zusammenhang mit einer im November ausgestrahlten Dokumentation vor, gegen chinesische "Regeln und Regulatorien" verstoßen zu haben.

"Einige wurden zu Tode geprügelt"

In der Dokumentation, an der Chan jedoch nicht beteiligt war, ist von "staatlich geförderter Sklaverei" in chinesischen Gefängnissen die Rede. Ehemalige Insassen kommen zu Wort, die wegen ihrer politischen oder religiösen Ansichten inhaftiert wurden. Unter ihnen sind auch Angehörige der Kultbewegung Falun Gong, die Chinas Führung 1999 verboten hatte und deren Mitglieder verfolgt werden. "Wir wurden überhaupt nicht bezahlt - wir wurden gezwungen", sagte der ehemalige Insasse Charles Lee in der Dokumentation. "Wenn sich jemand weigerte zu arbeiten, wurde er geschlagen. Einige wurden zu Tode geprügelt."

Neben der Verärgerung über die TV-Dokumentation hätten die Behörden außerdem ihre Unzufriedenheit über die generelle redaktionelle Linie der englischen Berichterstattung von Al-Dschasira aus China demonstriert. Chan sind laut FCCC auch Verstöße gegen Vorschriften vorgeworfen worden, die aber nicht näher benannt worden seien.

Chan arbeitet seit 2007 in China und gilt unter Kollegen als erfahrene, umsichtige Korrespondentin. Der Sender habe "erstklassige Arbeit" in China geleistet, sagte der Al-Dschasira-Chef für englische Nachrichten, Salah Negm.

Auch das Komitee zum Schutz von Journalisten in New York (CPJ) protestierte. "Die Verweigerung, die Akkreditierung von Melissa Chan zu erneuern, zeigt eine echte Verschlechterung im Umfeld für Medien in China und sendet eine Botschaft, dass internationale Berichterstattung nicht erwünscht ist", sagte der CPJ-Koordinator für Asien, Bob Dietz, laut einer Mitteilung.