Kritik an Plakataktion "Einfach sportlich sein"

Zu dem Kampagnenbild "Stirnkuss" der ARD-Themenwoche "Toleranz" gibt es unterschiedliche Meinungen.

(Foto: Thomas Leidig/dpa)

"Normal oder nicht normal?" Die ARD hat mit ihrer Plakataktion zur Toleranz-Themenwoche einen Shitstorm ausgelöst. Hans-Martin Schmidt ist beim Sender dafür zuständig und erklärt, was man sich in der ARD dabei gedacht hat.

Von Katharina Riehl und Claudia Tieschky

Die ARD wirbt mit Plakaten für ihre Toleranz-Themenwoche, etwa mit sich küssenden Männern und der Frage: "Normal oder nicht normal?" Politiker und Verbände kritisierten, die ARD stelle längst geklärte Positionen infrage. Hans-Martin Schmidt ist in der ARD für die Themenwoche zuständig.

SZ: Herr Schmidt, Sie sind mit der Plakataktion in einen Shitstorm geraten. Wie konnte das passieren?

Hans-Martin Schmidt: Dass die Kampagne provoziert, war gewollt, wobei der Grad der Provokation sicherlich im Auge des Betrachters variiert. Wichtig ist bei dem Thema ja, dass wir unsere Komfortzone verlassen.

Ist es nicht ein schlechtes Zeichen, wenn sich nur eine Seite provoziert fühlt - genau die Minderheiten, für die sich die Toleranzwoche eigentlich einsetzt?

Das nehmen wir natürlich ernst. Wir haben im Vorfeld mit vielen gesellschaftlichen Interessenträgern gesprochen. Homosexuelle sagten dabei etwa deutlich, dass sie eben noch keine vollkommene Normalität in Deutschland erleben, zum Beispiel homosexuelle Eltern. Jemand in Berlin-Mitte denkt wahrscheinlich: In welcher Vergangenheit leben die? Aber wenn man so ein Plakat deutschlandweit aufhängt, dann soll es genau die Leute ansprechen, die Homosexualität noch nicht als Normalität empfinden. Es hilft der Debatte nicht, wenn man Themen in Watte packt, und Vorurteile, die immer noch da sind, nicht thematisiert.

Trotzdem - es fühlen sich von den Plakaten offenbar die Falschen provoziert. Sie sagen, Sie nehmen das ernst. Heißt das, Sie distanzieren sich?

Nein, ich stehe zu der Kampagne. Ich weiß auch nicht, ob sich alle Minderheiten wirklich so provoziert fühlen. Ich kann im Augenblick nur um Verständnis werben bei denen, die sich angegriffen fühlen. Wir wollten sicherlich niemanden verletzen. Dass das im Einzelfall nicht immer klappt, bedauern wir.

Wie viel hat es die ARD eigentlich gekostet, dass sie mit der Kampagne einmal ganz besonders provokant und spritzig sein wollte?

Die Plakate hat unsere Hausagentur entworfen, das gehört zum Etat. Abgesehen vom Aushängen in Deutschland entstehen keine Extra-Kosten.

Ist die arme ARD jetzt etwa ein Opfer von Intoleranz geworden?

Ich finde, da müssen wir einfach sportlich sein. Wir wollten eine Diskussion, und die haben wir jetzt. Ich freue mich auch über die witzigen Persiflagen im Internet, es ist doch gut, wenn mit dem Thema gespielt wird. Das einzig wichtige ist, dass wir die Metaebene der Plakate jetzt verlassen und uns auf das eigentliche Programm der Themenwoche konzentrieren.