Kritik an der "Bild"-Zeitung Reduziert auf Brüste

Ist das "Bild-Girl" nur die Spitze des Eisbergs? Kristina Lunz sieht im Boulevard tagtäglich Seximus.

(Foto: Getty Images)

Sind nackte Frauen eine Nachricht? Nein, findet Kristina Lunz und setzt sich mit einer Kampagne dafür ein, dass das "Girl" aus der "Bild"-Zeitung verschwindet.

Von Kathleen Hildebrand

Ist das Bild-Girl ein sexistischer Affront oder nur ein merkwürdiger Anachronismus? Kristina Lunz, 25, hat die Kampagne "Schluss mit dem Bild-Sexismus" auf den Weg gebracht. Sie fordert: Chefredakteur Kai Diekmann solle sich ein Vorbild nehmen an der irischen Sun - und die Nacktbilder ganz abschaffen. Lunz studiert in Oxford Global Governance and Diplomacy und arbeitet an einer Masterarbeit über sexuelle Gewalt.

SZ.de: Die Nackten in der Bild gibt es schon seit 1984, bis 2012 waren sie sogar auf der Titelseite. Warum protestieren Sie gerade jetzt dagegen?

Ich studiere in Großbritannien, deshalb habe ich die Kampagne "No More Page 3" mitbekommen, die sich hier gegen die Nacktfotos in der Zeitung The Sun einsetzt. Das fand ich sehr inspirierend. Der Auslöser kam dann im letzten September, als ich mir die Bild kaufte: Auf der Titelseite wurden die Leser dazu aufgerufen, die Brüste von erfolgreichen Frauen aus der deutschen Medien- und Kulturlandschaft zu bewerten. Da hat die Bild eine ganz klare Message an die Leser gesendet: Was diese Frauen können, interessiert uns nicht. Wir reduzieren sie auf ihre Brüste und fragen uns, ob sie in der Lage sind, unsere sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.

SZ.de: Was sagen Sie Leuten, die nackte Brüste harmlos und Ihr Engagement übertrieben finden?

Ich habe Politik und Psychologie studiert und weiß daher, wie einflussreiche Zeitungen das Meinungsbild beeinflussen können. Wenn eine Bevölkerungsgruppe stereotypisch dargestellt wird, kann das zu deren Benachteiligung im realen Leben führen. Zum anderen scheint es mir moralisch nicht vertretbar, dass die männliche Hälfte der Gesellschaft als aktive und gestaltende Macher dargestellt wird, zum Beispiel als Politiker oder Sportler - und die weibliche Hälfte auf ihre Sexualität und auf ihr Aussehen reduziert wird. Wenn eine Zeitung zwischen lauter ernsthaften Nachrichten so tut, als sei das ganz normal, dann trägt sie zu einer Verharmlosung von Sexismus bei.

So nicht, Jungs!

Sind K.-o.-Tropfen auf der Ersti-Party lustig? In einem Seminar sollen Oxford-Studenten lernen, wie man Sexismus vermeidet. Sie diskutieren auch darüber, wie das Zögern einer Frau zu bewerten ist - selbst, wenn sie nicht eindeutig "Nein" sagt. mehr ... jetzt.de

SZ.de: Es geht Ihnen also nicht nur um das Bild-Girl?

Nein, das ist nur die Spitze des Eisbergs. Es geht um den tagtäglichen Sexismus der Bild-Zeitung. Und der geht weit darüber hinaus. In unserer Gesellschaft läuft etwas fürchterlich schief. Die Zahlen über sexuelle Gewalt sind auch in Deutschland horrend. Studien der EU und der Bundesregierung zeigen, dass eine von drei Frauen sexuelle oder physische Gewalt erlebt und dass knapp 60 Prozent - also die Mehrheit - sexuell belästigt wird. Dennoch reduziert Bild Frauen auf deren Brüste und stellt sie als passive, schwache Mitglieder der Gesellschaft dar. Im Moment der sexuellen Belästigung wird die betroffene Person auch auf ihre Sexualität und ihr Aussehen reduziert.

SZ.de: Haben Sie schon Erfolge?

Aus der Petition, die wir auf change.org gestartet haben, ist eine richtige Kampagne geworden. Wir sind zehn Männer und Frauen und investieren viel Zeit und Arbeit. Erste Früchte haben wir schon: Die Petition haben seit Ende Oktober 33 000 Menschen unterschrieben und wir haben einige offizielle Unterstützer gewonnen, zum Beispiel die Bundesfrauenorganisationen der Grünen und der SPD.

SZ.de: Sie haben auf Twitter Kontakt mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Wie reagiert er auf ihre Kampagne?

Er verhält sich so, wie es zu einem Boulevardblatt passt, nämlich respektlos. Ich habe Argumente vorgebracht - und sein erster Tweet war die Aufforderung, dass ich ihm mehr Bild-Girls beschaffen soll. Er ist noch nie auf ein inhaltliches Argument eingegangen. Falls er dieses Interview liest, würde ich mich freuen, wenn er sich mal mit einem Vorschlag für ein Treffen melden würde. Seine Argumente dafür, dass man Frauen ausschließlich auf ihr Äußeres reduziert, würden mich wirklich mal interessieren.

SZ.de: Wie fänden Sie es, wenn Kai Diekmann sagen würde: Gut, dann zeigen wir ab jetzt immer auch einen halbnackten Mann auf Seite drei?

Das wäre für unsere Kampagne auf keinen Fall eine Lösung. Uns geht es darum, dass alle Menschen gleichermaßen wertgeschätzt werden sollen. Heute ist schon die Mehrheit der Mädchen und Frauen unzufrieden mit ihrem Körper. Wieso sollten wir diesen Trend auch bei Jungs und Männern beschleunigen? Ich hätte mir als Kind gewünscht, weibliche Vorbilder in der Bild zu sehen - so wie mein Zwillingsbruder zu Politikern oder Sportlern als erfolgreichen Männern aufschauen konnte. Die Abwertung von Männern wäre dafür der komplett falsche Weg. Wir brauchen stattdessen eine Aufwertung von Frauen in Deutschlands einflussreichsten Medien.

SZ.de: Zählen nackte Frauen überhaupt noch als Verkaufsargument? Man muss sich im Zeitalter der Internet-Pornographie ja längst kein Boulevardblatt mehr kaufen, um Brüste zu sehen.

"Sex sells" wird wirklich noch als Verkaufsstrategie genutzt. Ich befürchte, dass die Chefredakteure und -redakteurinnen der Bild das genauso sehen. Aber sie sollten mal nach Irland gucken, wo die Sun das Page-3-Girl abgeschafft hat - dort sind die Verkaufszahlen nicht gefallen. Außerdem gibt es in der Geschichte der Menschheit viele Dinge, die man unterlassen hat, obwohl ein Profitinteresse dahinter stand. Weil sie eine bestimmte Gruppe von Menschen diskriminieren.

"Stop Bild Sexism": Kristina Lunz und Sophia Becker leiten die Kampagne.

(Foto: oh)

SZ.de: Wenn Frauen sich zu Seximus äußern, werden sie oft mit Beleidigungen und Drohungen angegangen. Haben Sie das durch Ihre Kampagne auch so erlebt?

Ich habe tatsächlich einige Wochen gezögert, meine Forderung zu veröffentlichen, weil ich von der Gefahr sexueller Online-Belästigung wusste. Ich habe mich dann irgendwann überwunden und sie online gestellt. Danach kamen viele persönliche Beleidigungen auf Facebook und Twitter - ob ich mit meinem Sexleben unzufrieden oder neidisch sei, weil meine Brüste zu klein sind. Ich wurde also auf mein Äußeres reduziert, auf meine Sexualität - genau die Dinge, gegen die ich vorgehen will. Argumente interessieren diese Leute nicht. Mittlerweile habe ich aber viele tolle Unterstützer und es gibt auch viele positive Nachrichten von Männern und Frauen.