Krise bei britischem Sender BBC-Nachrichtenchefs lassen Ämter ruhen

Es geht Schlag auf Schlag in der größten Krise der BBC: Nach dem Rücktritt von Direktor George Entwistle am Samstag lassen nun die Nachrichtenchefin und ihr Stellvertreter die Ämter ruhen. Hintergrund sind Falschmeldungen und ein zurückgehaltener Bericht in Missbrauchsfällen.

In der Chefetage der BBC geht es Schlag auf Schlag. Nach dem Rücktritt des BBC-Direktors George Entwistle am Samstag lassen die Nachrichtenchefin des britischen Senders, Helen Boaden, sowie deren Stellvertreter Steve Mitchell auf Aufforderung ihre Ämter ruhen, wie die BBC am Montag in London mitteilte.

Wie der Sender erklärte, steht der - zumindest zeitweilige - Rückzug von Boaden und Mitchell mit dem Skandal um BBC-Legende Jimmy Savile in Zusammenhang. Der vor einem Jahr verstorbene ehemalige Star-Moderator soll über Jahrzehnte hinweg 300 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Die Verantwortlichen bei der BBC sehen sich seit Wochen mit der Frage konfrontiert, wer in der renommierten Sendeanstalt von den Vorgängen gewusst hat. Diese sollen teils direkt auf dem BBC-Gelände stattgefunden haben. Ein Bericht über den Verdacht gegen Savile wurde 2011 von der BBC nicht gesendet - damals waren Boaden (als Chefin von BBC News) und Mitchell als ihr Stellvertreter zuständig.

Derlei Verstrickungen werden nun in einer internen Untersuchung beleuchtet. Es gehe darum, "den Mangel an Klarheit in den redaktionellen Abläufen und Hierarchien" anzugehen, so die BBC. Während der laufenden Untersuchung des Falles geben Boaden und Mitchell alle Aufgaben ab, an ihrer Stelle rücken Fran Unsworth und Ceri Thomas nach.

Der konservative Parlamentsabgeordnete Philip Davies forderte indes auch den Rücktritt von Rundfunkrats-Chef Chris Patten. Er sei unhaltbar geworden. Davies übte außerdem Kritik an Plänen, dem zurückgetretenen Entwistle eine Abfindung von 450.000 Pfund (563.000 Euro) zu zahlen.

Generaldirektor Entwistle hatte erst am Samstagabend seinen Rücktritt publik gemacht, er habe "entschieden, dass es ein Gebot der Ehre ist, das Amt des Generaldirektors aufzugeben". In seinem Fall gab neben dem Savile-Skandal ein zweites Debakel den Ausschlag, das Boaden und Mitchell offenbar nicht berührt: In einem BBC-Bericht waren vergangene Woche Vorwürfe des Kindesmissbrauchs gegen den früheren Schatzmeister der Konservativen Partei, Alistair McAlpine, aufgeworfen worden - doch diese erwiesen sich als falsch.

McAlpine hatte sich am Freitag an die Öffentlichkeit gewandt und die Vorwürfe vehement bestritten. Auch eines der Opfer aus den 70er und 80er Jahren, als in walisischen Heimen zahlreiche Kinder missbraucht worden waren, entlastete den früheren Politiker. Die BBC hatte sich bereits am Freitagabend bei McAlpine entschuldigt. Am Samstag sagte Entwistle dem BBC-Radio zunächst, die Ausstrahlung des Berichts der Sendung Newsnight sei "grundlegend falsch" gewesen. "Wir hätten nicht einen Film veröffentlichen sollen, der so fundamental falsch gewesen ist. Was hier passiert ist, ist völlig inakzeptabel."

Am Samstagabend dann trat der BBC-Chef vor die Fernsehkameras und erklärte seinen Rücktritt - und versuchte zugleich, den Ruf des Senders zu verteidigen. "Bei aller gerechtfertigten öffentlichen Beunruhigung (...) dürfen wir nicht vergessen, dass die BBC voller Leute mit größtem Talent und höchster Integrität sind", zitiert der Sender Entwistle auf seiner Homepage. "Das wird ihn auch weiterhin zum ausgezeichnetsten Sender der Welt machen."

Der "ausgezeichnetste Sender der Welt" muss sich jedoch momentan der größten Krise seiner Geschichte stellen, die mit dem Rücktritt von Entwistle und der Ämterniederlegung durch Boaden und Mitchell einen neuen Höhepunkt erreicht und längst nicht beendet ist. Übergangs-Intendant Tim Davie will im Laufe des Tages seine Reformpläne vorstellen.