Kooperation von "Essen & Trinken" mit VW Fragen nach Nähe

Bei Gruner + Jahr herrscht Unmut über eine Kooperation von "Essen & Trinken" mit VW. Zuständig für die Zusammenarbeit war Julia Jäkel, die kürzlich in den Vorstand des Medienhauses aufgestiegen ist. Hat der Verlag bei der Trennung von Redaktion und Werbung geschlampt?

Von Katharina Riehl und Claudia Tieschky

Als in der vorigen Woche bekannt wurde, dass Julia Jäkel beim Verlag Gruner + Jahr in den Vorstand aufsteigt, zeigte sich in den Reaktionen viel Sympathie für die 40-Jährige. Deutlich wurde, dass man von ihr Richtungsentscheidungen erwartet, die den Verlag strategisch nach vorne bringen könnten - vor allem im Digitalgeschäft.

Jäkel hat zuletzt angestammte Marken des Verlags wie Schöner Wohnen modernisiert, aber gerade auch im Internet einige bemerkenswerte Fakten geschaffen. Das von ihr gegründete, äußerst erfolgreiche Pocket-Magazin Couch zum Beispiel bringt der Leserin die Themenmischung aus Wohnen und Mode nahe, eine Themenmischung, auf die neuerdings auch Kommerzketten wie Zara oder H&M gekommen sind.

Für Gruner + Jahr-Verhältnisse war das Neue an Couch aber vor allem auch der Internet-Auftritt. Die Produkte aus dem jeweils aktuellen Heft sind dort nach Art eines Warenkatalogs gelistet, die Leserin kann Koffer, Kameras und Kosmetik über einen Link zum Hersteller sofort erwerben. Ist das die digitale Zukunft des Pressehauses? Und ist das schon E-Commerce? Gruner + Jahr versteht das Angebot als redaktionellen Service und verdient derzeit nicht daran, will aber den Ausbau zum Geschäftsmodell offenbar auch nicht für alle Ewigkeit ausschließen.

Gegen eine zu große Nähe von redaktionellen Inhalten und Kommerz hat sich Gruner + Jahr bisher stets gewehrt. Doch nun sorgt ein Fall für Unmut im Betrieb, der ausgerechnet in die Zuständigkeit von Jäkel fiel. Sie verantwortete bislang die Verlagssparte Life, zu der Titel wie Essen & Trinken, Schöner Wohnen und Brigitte gehören - alle werden inzwischen von Vielfachchefredakteur Stephan Schäfer betreut. Viele der Titel sind von dem Duo Jäkel/Schäfer erneuert worden, als nächstes, kann man wetten, wird die Frauenzeitschrift Brigitte an der Reihe sein.

"Exemplarisch" Beschwerde eingereicht

Sorgen darüber, was unter der Gesamtleitung Jäkels in Zukunft möglich sein könnte, macht den Mitarbeitern im Hamburger Verlag nun der Fall, auf den der Betriebsrat am 10. September in seinem Rundschreiben aufmerksam gemacht hat. In Ausgabe 6/2012 der Zeitschrift Essen & Trinken, ein Jäkel-Schäfer-Produkt, erschien dem Newsletter zufolge ein Extraheft mit dem Logo von Essen & Trinken - unten rechts habe sich "das Logo der Autostadt (Volkswagen) mit dem Vermerk, in Kooperation mit Autostadt" befunden. In drei von sechs Artikeln, so weiter, sei "ausdrücklich in eigener Sache" über die Autostadt berichtet worden. Der Betriebsrat, der in dem Fall "exemplarisch" Beschwerde beim für solche Fälle zuständigen Compliance-Team eingereicht hat, schrieb an den Ausschuss, die Redaktion Essen & Trinken sei "in unzulässiger Weise für Verlagsinteressen missbraucht" worden. Hat Gruner + Jahr bei der Trennung von Redaktion und Werbung geschlampt?

Der Betriebsrat weist in seinem Schreiben auch auf ältere, seiner Ansicht nach vergleichbare Fälle hin, auf eine Beilage der Zeitschrift Brigitte etwa, die schon vor einiger Zeit der 40-jährigen Existenz von Ikeas Billy-Regal gewidmet war. Der Newsletter beruft sich auf den sogenannten Code of Conduct des Hauses, in dem es auf Seite 40 heißt: "Gruner + Jahr hält sich an die Regelungen des Pressekodex zur Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten". Ein Verlags-Sprecher erklärt auf Anfrage, die Betriebsrats-Beschwerde sei kein öffentlicher Vorgang, weshalb es auch keine Stellungnahme gebe. Intern scheint man die Sache aber durchaus ernst zu nehmen. Schließlich lebt Gruner + Jahr von der redaktionellen Glaubwürdigkeit seiner Marken.

Auch intern wird der Fall diskret behandelt, wie der Compliance-Ausschuss dem Betriebsrat mitteilte: "Die Beratungen und das Ergebnis derselben sind zum Schutze der Beteiligten vertraulich", erklärten die Prüfer laut Rundbrief dem Betriebsrat. Dem ist das zu diskret: Man werde die "Taktik des Herumlavierens nicht hinnehmen", heißt es in dem Schreiben, und "gegebenenfalls weitere Maßnahmen einleiten".