Für Unruhe sorgt auch die "Redaktionsgemeinschaft", die seit einem halben Jahr vom Berliner Hochhaus aus die überregionalen Abo-Titel der Gruppe mit schön geschriebenen Geschichten bestückt. Die rund zwei Dutzend von allen lästigen Produktionsdiensten befreiten Edelfedern haben zwar, das sagen viele, die Qualität der Politik- und Wirtschaftsberichterstattung verbessert. Doch in den betroffenen Redaktionen gibt es Unmut, vor allem bei den Redakteuren, die nun fast nur noch Seiten produzieren dürfen. Eine "Zweiklassengesellschaft" sei da entstanden, schimpft ein Betroffener - " obwohl wir als Zeitung immer gegen so etwas angeschrieben haben".
Anzeige
Besonders knifflig ist die Lage bei der Frankfurter Rundschau. Auch das linke Blatt leidet unter einer stark sinkenden Auflage (aktueller Verkauf: 135000 Exemplare; vor zwei Jahren 151000). Dazu kommen, anders als beim Schwesterblatt in der Hauptstadt, tiefrote Zahlen. Die FR ist seit Jahren defizitär, auch in diesem Jahr rechnet der Verlag wieder mit einem hohen einstelligen Millionen-Minus, wie zu hören ist. Die Zeitung hat etliche Kürzungen am Personalstamm und im Etat über sich ergehen lassen müssen. Und die nächste Runde sei schon beschlossene Sache, sagt einer, der an den Verhandlungen darüber beteiligt ist. Wie viel das Tabloidblatt diesmal einsparen muss und was das für die Größe der Redaktion bedeutet, sei noch offen. Aber so wie jetzt gehe es nicht weiter, sagt der Insider: "Das weiß jeder."
Eine Option sieht offenbar vor, die überregionale Berichterstattung zumindest der Berliner Zeitung und der FR in der Hauptstadt zu bündeln. Beide Blätter stehen sich politisch nahe, da gäbe es keine Problem - anders als bei einer Verschmelzung mit dem bürgerlichen Kölner Stadt-Anzeiger. Im Mantel-Konstrukt würde die Rundschau dann zwar ihre Eigenständigkeit verlieren, könnte aber ihren Anspruch aufrechterhalten, ein irgendwie überregionaler Titel zu sein. Der Standort Berlin würde die überwölbende Expertise zuliefern. Die Hessen könnten sich dafür auf ihre Regional- und Lokalberichterstattung konzentrieren, mit der die Verleger gegenwärtig alles andere als zufrieden sein sollen.
Zurück zu Konstantin Neven DuMont. Sein Vater hadert offenbar mit der Entscheidung, den Sohn, den er jahrelang als Erben aufgebaut hat, aus der Verantwortung zu nehmen. Dabei ist wohl auch dem "Alten" inzwischen klar, dass der Junior nicht das nötige Format hat. "Der Alte", wie Alfred Neven DuMont im Verlag respektvoll genannt wird, ist bei seinen Journalisten angesehen. Seine linksliberalen Autoren in Berlin und Frankfurt mögen mit seinem patriarchalischen Auftreten vielleicht wenig anfangen können. Aber sein intellektuelles Format schätzen sie, seine Fähigkeit, den Ton von Zeitungsredakteuren zu verstehen: diese Mischung aus breitbeinigem Bescheidwissen und nervöser Eitelkeit. Der Junge hingegen, naja.
Im Prinzip hat Alfred Neven DuMont drei Möglichkeiten. Erstens: Der Erbe wird entthront. Dagegen spricht der dynastische Stolz der Familie, die mit Konstantin immerhin in der zwölften Generation verlegerisch tätig ist. Zweitens: Konstantin kehrt irgendwann zurück in seine Ämter - dagegen spricht, dass DuMont seinen guten Ruf aufs Spiel setzt. Die dritte Option wäre ein Zwischending, eine neue Aufgabe für Konstantin, vielleicht weniger im operativen Bereich. Und dazu eventuell die Gründung einer Familienstiftung, die das Geschäft externen Managern übertragen würde.
Bis der Altverleger diese Fragen für sich geklärt hat, wird jeder im Konzern weiter still halten. Der Verlegersohn dagegen will sich weiter mitteilen. Auf die Frage, ob er denn auch vom Internet Urlaub nehme, sagte Neven DuMont Junior der SZ: "Im Gegenteil, ich werde weiter ganz normal bei Facebook und Twitter meine Beiträge schreiben."
Bis Redaktionsschluss hatte er dieses Versprechen schon eingelöst: "Juhu, heute beginnt mein Urlaub."
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
(SZ vom 11.11.2010/wolf)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Gesetzt den Fall, Dürrenmatt lebte noch und hätte Einblick in die Blogosphäre ... er schriebe gewiß eine Fortsetzung seiner grandiosen Untergangskomödie "Romulus der Große". Das Personal ließe sich bequem ergänzen. Hier der umtriebige Kaisersohn Constantinulus (vulgo: Conny - "Sag nicht immer Junior zu mir"), der hin- und hergerissen ist zwischen imperialer Weltverbesserung und dem Wunsch, sich auf der Colonia der Seligen nur noch mit "De Höhner"-Zucht und Apopodolskibalia zu vergnügen - dort der greise Imperator Constantinus Alfredianus, der die Neuordnung seiner Provinzen vorantreibt und vor Korrekturen seiner fabulosen Historia Augusta nicht zurückschreckt. Dazwischen die neue Macht, die wilden BlogGermanen: Dominus Adalfuns der Traditionsrabiate, der Reste der nostalgisch-reaktionären altrömischen Senatorenkaste um sich schart und sie dem Editor Maximus urbi et orbi Plaustrificus (auch Frank der Einzige) andient - oder der sprunghafte Wolfskrieger Saschapascha aus dem Semnonenhain, der gern rüde um sich beißt - oder an der Spitze der 3 Stämme Bildhasser, Beckmesser und Mediocritici, die sich für die zukünftige Prätorianerkohorte halten, der lakonisch spitzfindige Stefanoaker Niggelinus, auf dem Wege zum internetionalen Volkstribunat. Alternde Schranzen der Administration (Bernardus Neumann und seine Insulaner), zwangsangepaßte Minister des Neueren (Viri Digitalonlines) und ihre diensthabenden Zweitverwerter (Petros Thurios et ceteri) beleben das meinungsforsche Geschäft - Philosophen bleibt nur der melancholische Kommentar.
Es begab sich aber zu der Zeit, da KilZeno der ISaurier aus Ostrom an westlichere Pforten klopfte, daß Jung-Conny sich aufmachte zu den Wiesen, wo die (H)Aus- und Blogwanderer kampierten, im Bestreben, so einer zu werden wie sie - high sein, frei sein, ein bißchen Terror muß dabei sein. Das Rührstück von Weltbeglückung, Schmäh und verschmähter Liebe in Zeiten der Holzmedien-Cholera schlägt jedoch jäh um - der Sandkasten wird zur Arena, die Szene zum Tribunal, aus den Luken kriechen die Lemuren, der Himmel färbt sich altrosa. Ach, Junior hat sich das Berserker-Virus eingefangen. Ist der Vorhang gefallen? Nicht so ganz - das gebietet laut Codex DuMontesse die Entdeckung der Fürsorge. Im Sinne von Dürrenmatt müßte eine Dea ex machina her: Der Besuch der alten Dame - vorbei. Jetzt gilt: Ein Engel kommt nach Bergisch Gladbach. Do laachste dich kapott (KölGG § XI).
Spannender finde ich die Frage, warum die SZ hier nicht schreibt, dass sie selbst in den roten Zahlen steckt, Also, liebe SZ-Redakteure, warum schreibt Ihr nicht mal über euren eigenen Probleme? Da habt Ihr sicher die besten Quellen.