Köln-Tatort "Scheinwelten" Floskelsatt und abgestanden

Tatort "Scheinwelten"

(Foto: WDR/Uwe Stratmann)

Der Juniorchef einer Gebäudereinigungsfirma ist ermordet worden. Um den Todesfall herum strickt sich eine Geschichte um Familienstreit, Patriarchenstolz und Menschen, die nebeneinander herleben. Und es geht um Katzen, die eine verzweifelte Botschaft aus der Todeszone schicken.

Von Holger Gertz

Wenn in einem deutschen Kriminalfilm eine Frau sehr auffällig über den Rand ihrer dunklen Sonnenbrille schaut, ist das immer ein belastbares Zeichen dafür, dass diese Frau verstrickt ist in das Verbrechen. Die Wirkung des unheilvollen Blicks ist in zahlreichen Derrick-Episoden erprobt worden, der unheilvolle Blick ist fester Bestandteil der Dramaturgie bei den Rosenheim Cops, und dass in diesem Tatort hier die Anwältin Beate von Prinz unheilvoll blickt, macht die Sache nicht besser. Beate von Prinz - erfolgreiche Anwälte müssen natürlich so heißen, in deutschen Krimis - wird gespielt von Jeanette Hain, die nicht nur unheilvoll blicken, sondern auch undurchschaubar wirken kann. Und die es mit dem einen wie dem anderen hier ein wenig übertreibt.

Der Juniorchef einer Gebäudereinigungsfirma ist ermordet worden. Um den Todesfall herum stricken Regisseur Andreas Herzog und Autor Johannes Rotter eine Geschichte um Familienstreit, Patriarchenstolz und um Menschen, die nebeneinander herleben. Soweit die Abteilung human touch, die Story dreht sich aber außerdem auch um Scheinehen, um illegale Aufenthalte in Deutschland, um die von der Putzerei zerschundenen Bandscheiben junger Ausländerinnen: also um die ewigen Konflikte zwischen den Hälften der Welt. Dass der Film einen Weg fände, die privaten Dramen mit dem Überthema irgendwie in Bezug zu bringen, kann man nur mit sehr sehr gutem Willen behaupten.

Die Sprache ist sehr floskelsatt. Wenn einer hübsch reden kann, hat er "'ne poetische Ader". Ein kühler Mensch erledigt alles "ohne mit der Wimper zu zucken", oder er ist "kalt wie ein Fisch". Die Episode sammelt abgestandene Begriffe und abgestandene Blicke, immerhin ordnet der große Hans Peter Hallwachs als Seniorchef die Dimensionen des Arschaufreißens neu ein. "Es gibt Leute, die reißen ihnen den Arsch bis zum Hemdkragen auf."

Das Berührendste an diesem Tatort ist eine frühe Sequenz mit zwei Katzen. Regisseur Herzog hat früher Werbeclips gemacht, er weiß, wie man das Publikum lockt. Und was erst wie eine Whiskas-Reklame aussieht, erweist sich als verzweifelte Botschaft aus der Todeszone. Die Katzen werfen Futterdosen um, reißen Schubladen auf, lecken die Feuchtigkeit von den Fensterscheiben, weil niemand mehr da ist, der sie versorgen könnte. Das Herrchen liegt tot im Wohnzimmer. Und die Katzen sitzen weinend auf der Fensterbank. Katzen wissen ja immer, was noch kommt.

ARD, Dienstag, 20:15 Uhr