Katholische Kirche erhält Negativ-Preis Das kalte Herz der Kirche

Mehr als jede Kirchenkritik der Kirche schaden kann, schadet sie sich selbst, wenn sie sich der Diskussion versperrt: Anlässlich der Verleihung der "Verschlossenen Auster" eine Laudatio auf die katholische Kirche, den "Informationsblockierer des Jahres".

Von Heribert Prantl

Es gibt sie überall. In Behörden und Verbänden, in Firmen und Parteien, bei Banken und Vereinen: Die Vertuscher, die Verleugner und die Verheimlicher. Wer sich in diesen Disziplinen im Laufe eines Jahres besonders hervortut, hat gute Chancen, die Verschlossene Auster zu gewinnen, den Kritik-Preis der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche.

In diesem Jahr wird der Preis zum neunten Mal verliehen. Er steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien.

Dieses Jahr geht der Kritikerpreis an die katholische Kirche für ihren Umgang mit dem Missbrauchsskandal. "Die deutschen Bischöfe geben bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nur die Tatsachen zu, die sich nicht mehr leugnen lassen. Die katholische Kirche respektiert den Anspruch der Öffentlichkeit auf frühzeitige und vollständige Information nicht und widerspricht damit ihren eigenen Werte-Postulaten nach Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit", sagte Thomas Leif, Vorsitzender von Netzwerk Recherche, zur Jurybegründung.

Stellvertretend für sie nahm Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, den Preis entgegen. Die Laudatio, im Folgenden dokumentiert, hielt Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung.

Der heilige Christophorus ist, wie allgemein bekannt, der Schutzpatron der Autofahrer. Aber nicht nur die Autofahrer haben einen Schutzpatron, sondern auch die Journalisten - die meisten Journalisten wissen das gar nicht. Viele Journalisten wollen wohl gar keinen katholischen Schutzpatron haben und empfinden ihn als aufgedrängte Bereicherung. Diese Bereicherung heißt jedenfalls Franz von Sales: Papst Pius XI. hat ihn im Jahr 1923 zum Journalistenpatron gekürt.

Der heilige Franz von Sales lebte im 16. Jahrhundert und war Bischof von Genf. Im Jahr 1594, ganz am Beginn seiner priesterlichen Tätigkeit, erhielt er den Auftrag, die Menschen im Chablais, also südlich vom Genfer See, wieder für den katholischen Glauben zu gewinnen; sie waren im Zug des Reformation zum Calvinismus übergetreten. Als die politischen Machthaber von dieser Mission des Franz von Sales erfuhren, verboten sie der Bevölkerung unter Strafe, dessen Predigten zu besuchen. Der junge Prediger musste andere Wege finden, seine Botschaft unters Volk zu bringen. Er druckte also seine Predigten auf Flugblätter, heftete sie an Bäume, Tore und Haustüren.

Und er hatte Erfolg damit: Nach drei Jahren konnte er seinem Bischof die Rückkehr der Bevölkerung zum katholischen Glauben berichten. Dieser Erfolg beruhte nicht allein auf dem damals gerade modern gewordenen Medium Flugblatt, sondern vor allem darauf, dass der Mann die richtigen Worte fand: Erstens übernahm er nicht den damals bei Glaubensauseinandersetzungen allgemein üblichen polemischen Stil; zweitens war seine Recherche über den Calvinismus, mit dem er sich auseinandersetzte, sehr präzise; drittens verfasste er seine Flugblatt-Texte in der Landessprache, was in der vom Latein beherrschten katholischen Kirche sensationell war.

Franz von Sales konnte also das, was die katholische Kirche heute nicht mehr kann: er war glaubwürdig; er kannte die richtigen Worte; er hatte die Sprache, um Gehör und Glauben zu finden. Diese große Gabe ist der katholischen Kirche nicht mehr gegeben. Eine Gemeinschaft, die vom Wort lebt wie keine andere, hat die Sprache verloren. Sie ist sprach- und sprechunfähig geworden, nicht nur, aber vor allem, wenn es um ihr Verhältnis zur Sexualität geht.

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