Journalismus Wie viel Aktivismus verträgt der Journalismus?

Anhänger der linken Szene demonstrieren gegen das Verbot der linksextremen Internetplattform linksunten.indymedia.org.

(Foto: dpa)

G-20-Proteste und das Indymedia-Verbot haben diese Frage wieder aktuell gemacht. Doch schon der streitbare Starreporter Egon Erwin Kisch forderte einst Haltung dem Elend der Welt gegenüber.

Von Tim Neshitov

Journalist ist in Deutschland, im Gegensatz zu "Redakteur", keine rechtlich geschützte Berufsbezeichnung; insofern wundert es wenig, dass Autoren von Internetseiten wie linksunten.indymedia oder altermedia sich gern als Journalisten bezeichnen. Irgendwas-media.de klingt immer besser als irgendwas-aufdiefresse.de. Indymedia ist eine linksradikale Plattform, die von "Angriffen auf Bullenstrukturen" schwärmt, beziehungsweise schwärmte, bis vergangenen Freitag. Altermedia war mal eine rechtsradikale Plattform, beide sind vom Netz, weil sie laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière die freiheitlich demokratische Grundordnung gefährden sollen.

Der Journalismusbegriff war schon immer dehnbar, in seiner geballten Vielfalt war das zuletzt bei G20 in Hamburg zu beobachten. Aktivistenjournalisten und Journalistenaktivisten beider Lager lieferten sich Twitterschlachten, Zeit Online musste sich von zwei Autoren des antifaschistischen Blogs Störungsmelder trennen, die auf ihren privaten Social-Media-Accounts "unethisches Verhalten" an den Tag gelegt hatten. "Die Verharmlosung oder Rechtfertigung von Gewalt ist nicht mit einer Mitarbeit beim Störungsmelder vereinbar", meldete die Redaktion in eigener Sache.

Einer der beiden hatte während der Demonstration am Fischmarkt ein Foto von vier jungen Leuten mit Kameras getwittert, die er als "IB'ler" beschrieb, also zugehörig zur rechtspopulistischen Identitären Bewegung. Die vier wurden digital gejagt, lokalisiert und - ganz analog - angepöbelt und angegriffen, wonach sie sich sehr leid taten, was sie auf sämtlichen Kanälen wort- und bildreich dokumentierten. Der linksaktive Autor bekam seinerseits Morddrohungen.

"Keine Rückzugsräume für Extremisten von links und von rechts"

Mit dem Verbot von linksunten.indymedia stoppt Innenminister de Maizière eine Plattform der linksextremen Szene. Anhaltspunkte dafür, dass die Betreiber sich selbst strafbar gemacht haben, gibt es nicht. Von Stefan Braun mehr ...

Geht man davon aus, dass Journalismus erst einmal Kommunikation zugrunde liegt, dann agieren auch twitternde Aktivistenjournalisten durchaus im Rahmen des wissenschaftlich bewährten Sender-Empfänger-Modells. Es besagt, grob, dass Kommunikation entsteht, sobald es einen Sender, einen Empfänger und einen Kommunikationskanal gibt. Allerdings gilt es dann zu erforschen, ob das Sender-Empfänger-Modell nicht auch für die Ente im Isebekkanal gilt, die ihre Artgenossinnen vor dem Tiefflug des Polizeihubschraubers warnt. Quak?

Vor vier Jahren gab es eine kluge Debatte um die Frage "Wie viel Aktivismus verträgt Journalismus?". Damals schrieben sich Bill Keller, Chefredakteur der New York Times, und Glenn Greenwald, der journalistische Überbringer der Offenbarungen Edward Snowdens beim Guardian, scharfe öffentliche Briefe, scharf im intellektuellen Sinn. Es ging um die Wurst, um die Frage: Sind etablierte Medien wie die New York Times mit ihrem Objektivitäts- und Überparteilichkeitsanspruch überhaupt noch zeitgemäß?

Snowden-Sprachrohr Glenn Greenwald vereint in seiner Arbeit Haltung und Substanz

"Dear Bill", schrieb Greenwald. "Journalismus ist immer eine Art Aktivismus. Jeder journalistischen Entscheidung wohnen höchst subjektive Annahmen inne - kulturell, politisch oder nationalistisch - so dass Journalismus den Interessen der einen oder anderen Fraktion dient."

"Dear Glenn", antwortete Keller. "In meinen Augen geht es nicht darum, dass Reporter so tun, als hätten sie keine Meinung. Sondern darum, dass Reporter sich im Rahmen der beruflichen Disziplin, mit ihren Meinungen zurückhalten und die Wirklichkeit für sich sprechen lassen."

Es ist bezeichnend, dass es seitdem sowohl der New York Times wie Glenn Greenwald gut geht, was Publikumszuwendung betrifft. Die Times konnte ihre Reichweite erhöhen, und Greenwald scheint bei seinem The Intercept zufrieden zu sein. Er verließ damals den Guardian, um zusammen mit Laura Poitras und Jeremy Scahill diese Plattform für investigativen - und endlich unabhängigen! - Journalismus zu gründen. Unabhängig hieß erst einmal, dass eBay-Mitgründer Pierre Omidyar 250 Millionen Dollar in das Projekt steckte.

Greenwald ist ein Beispiel dafür, dass Journalismus viel, sehr viel Aktivismus verträgt. Allerdings muss die journalistische Substanz dahinter stimmen. Haltung minus Substanz ist selten Journalismus.

In Deutschland setzte seinerzeit Egon Erwin Kisch Maßstäbe: ein kommunistisch gesinnter Reporter, der im Kalten Krieg Namensgeber des wichtigsten westdeutschen (!) Journalistenpreises wurde. Kischs programmatische Rede von 1935, "Reportage als Kunstform und Kampfform", fordert Haltung dem Elend der Welt gegenüber, aber das Ergebnis soll ein "anklägerisches Kunstwerk" sein, jenseits von Banalität und Demagogie. Es soll der Wahrheit verpflichtet sein (es gibt sie laut Kisch, "die Wahrheit", sie ist sogar "das edelste Rohmaterial der Kunst"). Ließ bei Kisch die Suche nach der Wahrheit nach, wie bei seiner Reise durch die Sowjetunion 1926, schrieb auch der große Reporter Kisch sprachfiligrane, aber banale, weil jubelfeuchte Reportagen.

Auf der Indiecon präsentierten sich kürzlich wieder Magazine mit Sendungsbewusstsein

Heute haben sich so genannte Indiezeitschriften als eigene Gattung etabliert. Indie schreibt sich mit "ie" und hat nichts mit der gerade verbotenen Plattform indymedia zu tun. Gemeint sind unabhängige Magazine, die einem gesellschaftlichen Zweck dienen wollen und Journalismus als Mittel zu diesem Zweck begreifen. Einmal im Jahr treffen sich Magazinmacher aus der ganzen Welt auf der Indiecon in Hamburg, einer Fachkonferenz mit Bio-Buffet, auf der man sich duzt und noch mehr Englisch spricht. Die Indiecon 2017 fand am vergangen Wochenende statt. Ein Gast aus New York, Ryan Fitzgibbon, wurde als "Aktivist im Herzen" vorgestellt. Er gibt Hello Mr. heraus, "a magazine for men who date men", ein Männermagazin, das sich für die Rechte von Homosexuellen und Transsexuellen einsetzt. Die gedruckte Auflage ist überschaubar, 8000 Exemplare, aber der Ruf in der Indieszene erheblich. Nach dem homophoben Anschlag auf einen Nachtclub in Orlando, bei dem 2016 49 Menschen starben, setzte Fitzgibbon mit einer Petition durch, dass Apple das Pistolen-Emoji durch ein Wasserpistolen-Emoji ersetzte.

Fitzgibbon durchlebte nach dem Massaker eine heftige Krise; er sagt, er wusste nicht mehr, wozu er morgens noch aufstehen sollte. Ihm sei bewusst geworden, dass es nicht mehr reicht, mit einem Heft am Kiosk sichtbar zu sein - eine Erkenntnis, die sich nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten nur verstärkt habe. "Nun gehen wir zu jedem Protest, zu dem wir gehen können." Auf seinen Plakaten steht: "Trump Dooms Nation" (Trump ist der Untergang der Nation) oder: "Silence ist Death" (Schweigen ist der Tod). Und er hat gerade eine neue Ausgabe von Hello Mr. herausgebracht. Es klingt alles nicht mehr nach Kampf, sondern nach Krieg. Mit (unter anderem) journalistischen Mitteln.

Starke Gesten machen noch keine starke Demokratie

Man muss kein Sympathisant der autonomen Szene sein, um Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Verbots von Indymedia zu haben. Kommentar von Joachim Käppner mehr...