Journalismus in Deutschland Vorletzte Worte

Michael Graeter und Curd Jürgens, 1982 Der Journalist Michael Graeter mit Schauspieler Curd Jürgens in München mit einer Wochenendausgabe der Abendzeitung., 01.01.1982-31.12.1982

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

Gruner + Jahr hat vielen seiner schreibenden Redakteure gekündigt. Was gilt der Journalismus noch, wenn Verlage auf Autoren verzichten? Eine Bestandsaufnahme nach einer Woche, in der Ideale verkauft wurden.

Von Michael Jürgs

Über den Autor

Michael Jürgs, 69, ist Journalist und Buchautor. Von 1986 bis 1990 war er Chefredakteur des Stern.

Naturgemäß ist es zu spät, bei einer Trauerfeier darüber zu streiten, ob man die teure Braut hätte retten können, falls ihre Neigung zur Fettleber von Ärzten rechtzeitig erkannt worden wäre.

Deshalb sind solche Diagnosen gescheiterter Scharlatane am Beispiel der Sparbeschlüsse bei Gruner + Jahr über einen "Untergang der deutschen Zeitschriftenkultur" keiner weiteren Nachrede wert. Falls selbst ernannte Medienexperten nicht mehr twittern könnten, müssten sie denken, bevor sie sich äußern. Wahrscheinlich ist Zwitschern in der Medienlandschaft so beliebt, weil die höchstens erlaubten 140 Anschläge das Denkvermögen der Versender nicht überfordern.

Dieser Text hat 7600 Anschläge und ist eher von Wehmut getragen statt von Zorn. Wehmut im Rückblick auf die goldenen, auch selbst erlebten Zeiten des Journalismus, aber doch auch Zorn über gewisse Verkünder gewisser Botschaften, die sich erdreisten, die jüngsten Entlassungen im Hamburger Zeitschriftenverlag so zu kommentieren: "Zukünftig werden die Titel der Brigitte-Gruppe von einem agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam ausgedacht und produziert. Durch diese Strukturumstellung holt Brigitte mehr Vielfalt und Potenzial von außen rein."

Nur die Chef-Brigade darf bleiben

Denn diese Newspeak von krawattenlosen Flanellmännchen, die ohne uns Journalisten gebrauchte Tablets verkaufen müssten so wie ihre Vorgänger einst, als es so etwas noch gab, Nähmaschinen, und die bei Entlassungen wie Pferdeflüsterer von Freisetzungen reden - bedeutet in Wahrheit ja etwas ganz anderes.

"Brigitte" entlässt alle schreibenden Redakteure

Chefs statt Autoren: Die Verlagsgruppe Gruner + Jahr kündigt allen schreibenden Redakteuren der Zeitschrift "Brigitte" - die Führungsposten werden hingegen aufgestockt. Auch bei "GEO" müssen Mitarbeiter gehen. mehr ...

Die Betroffenen, aktuell bei Brigitte und bei Geo samt Töchtern, zuvor bei Stern und Neon, sind danach weder flexibel noch potent, weder agil noch kreativ genug, um für das Mindestziel schwarze Null in der Bilanz des Verlages, der von Allerheiligen an allein bei Bertelsmann ins Gebet genommen wird, künftig noch nützlich zu sein. Die Chef-Brigade in größerer Zahl offenbar schon. Denn die darf bleiben. Noch.

Die Notlage der Branche galt als Hölle der anderen

Eine real schon lange existierende Notlage der Branche galt bei Gruner + Jahr allzu lange als die Hölle der anderen. Weshalb man den Aufbruch in digitale Welten verschlief. Dass die Krise auch das eigene, auf seine Tradition stolze Haus betraf, blieb draußen vor der Tür. Als Texte und Fotos noch einmalig sein mussten, um gedruckt zu werden, als ihre Schöpfer noch First Class flogen und Verleger ihren Champagner aus den Gehirnschalen ihrer Chefredakteure tranken, umschwärmten Verlagsmanager die Fotografen und Autoren wie Motten das Licht. Denn das strahlte auch aus auf diese grauen Herren.

Das alles ist vorbei. If the news is that important, it will find me lautet heutzutage das coole Mantra einer Kundschaft. Wenn etwas wichtig ist, erfährt sie es automatisch, in welcher Form auch immer via Internet, Fernsehen, Radio oder Breaking News auf dem Smartphone. Früher musste man eine Tageszeitung, eine Zeitschrift, ein Magazin kaufen und lesen, um mitreden zu können. Heute genügen, siehe oben, die genannten 140 Anschläge, um auch unter Profis als informiert zu gelten.