Journalismus Fünf Vorschläge für den Umgang mit Fake News

Wenn schon bei den Profis Verwirrung herrscht, wie soll es dem Laien gehen? Es ist Zeit, etwas Ordnung in die Debatte um Fake News zu bringen.

(Foto: dpa)

Die Stasi verschickte Lügen noch per Post. Inzwischen kursiert Desinformation ständig und überall, was auch den Journalismus vor neue Herausforderungen stellt. Zeit, Ordnung in die Debatte zu bringen.

Von Georg Mascolo

Als die Herstellung und Verbreitung von Lügen und Halbwahrheiten noch eine mühsame Angelegenheit war, zogen sich die Offiziere der DDR-Staatssicherheit Gummihandschuhe über. Eine Vorsichtsmaßnahme, an den Briefumschlägen durften keine Fingerabdrücke zurückbleiben. Die Briefmarken wurden mit Wasser aus dem Blumentopf angefeuchtet. Denn das Bundeskriminalamt in Deutschland-West war dazu übergegangen, in Verdachtsfällen die Spucke zu analysieren.

In Berlin-Lichtenberg, Sitz der Abteilung der für Auslandsspionage zuständigen Hauptverwaltung Aufklärung, agierte eine Fälscherwerkstatt. Ihr Produkt hieß Irreführung. Mithilfe von Desinformation und anderen sogenannten aktiven Maßnahmen sollte die Öffentlichkeit im Westen beeinflusst, verunsichert, sollten die Karrieren von Politikern befördert oder zerstört werden.

Nach der Wende kam heraus, wie erfolgreich die 1966 auf Anordnung des sowjetischen KGB hin gegründete Abteilung X tatsächlich gearbeitet hatte. Dutzende Desinformationskampagnen wurden bekannt, die Geschichte etwa, dass das Aids-Virus aus einem US-Biowaffen-Labor stammt, gefälschte Warnungen vor dem Risiko von Unglücken in westlichen Atomkraftwerken. Und dann - eine aktive Maßnahme - die Bestechung von mindestens einem Bundestagsabgeordneten, um den Kanzler Willy Brandt 1972 vor dem Sturz durch ein konstruktives Misstrauensvotum zu bewahren. Zumindest bei der Verbreitung von falschen Wahrheiten hatte die DDR erreicht, wonach sie stets strebte: Weltniveau. "Krieg der Worte" nannten sie das bei der Stasi.

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Mit wem also, so denkt man, lässt es sich besser über ein Phänomen diskutieren, das Journalisten, Politiker und die Öffentlichkeit heute wieder so sehr beschäftigt? In Zeiten, in denen die 17 amerikanischen Geheimdienste behaupten, dass der Kreml geholfen habe, Donald Trump ins Amt zu befördern; hochrangige CDU-Politiker sich damit zitieren lassen, dass Moskau nun womöglich schon plane, bei den Bundestagswahlen die Kanzlerin zu stürzen; Historiker schon ein neues Zeitalter der Kriegsführung ausrufen, in dem Fake News, Leaks und gehackte Daten wichtiger seien als Bomben und Raketen.

Und doch wirken die Rentner aus der Abteilung Irreführung verloren, ja ein wenig ratlos. Sie rühren Milch in ihren Kaffee und beklagen, dass alles durcheinandergehe, die Debatte über Irreführung im Staatsauftrag mit der Diskussion und Kritik zu Pflichten, Aufgabe und Wahrheitsliebe der Medien. Dass der inzwischen inflationär gebrauchte Begriff Fake News und neuerdings noch die alternativen Fakten die alten Begriffe abgelöst haben.

Wenn schon bei den Profis Verwirrung herrscht, wie soll es dem Laien gehen? Zeit also für einen Versuch, etwas Ordnung in die Debatte zu bringen, und für fünf Vorschläge, wie man mit einem alten Phänomen in neuen Zeiten umgehen könnte.

1. Desinformation und Fake News als enge Verwandte betrachten

So sollte man, erstens, Desinformation und Fake News - jedenfalls in einer sinnvollen Definition - als enge Verwandte betrachten. Desinformation wie Fake News meint die gezielte Verbreitung unzutreffender Informationen, sie muss nicht nur objektiv falsch sein, der Urheber muss dies auch wissen. Eine bewusste Lüge also. Sie kann völlig erfunden sein oder durch Auslassungen und Verkürzungen einen bewusst falschen Eindruck erwecken. Jüngstes Beispiel: die erfundene Geschichte, dass Bundeswehrsoldaten in Litauen eine Minderjährige vergewaltigt hätten.

Für die Verbreitung von Desinformation und Fake News braucht es heute keine Gummihandschuhe und Blumentöpfe mehr, der Zugang über das Internet ist ohne jede Barriere. Die Lüge reist mit derselben Geschwindigkeit wie Wahres, zu oft trifft sie auf ein Publikum, für das der Klick auf "Gefällt mir" eine größere Bedeutung hat als Faktentreue und Plausibilität. Manchmal sind erfundene Fake News auch einfach spannender und unterhaltsamer als die Wahrheit.

Zur Bekämpfung von Fake News braucht es weder staatliche Abwehrzentren (entgegen anderslautenden Meldungen plant das Innenministerium auch keines) noch, wie manche fordern, eine Strafvorschrift. Das Mittel dagegen ist ein Journalismus, der sich der stetigen Beschleunigung entzieht, nach höchsten handwerklichen und ethischen Standards strebt und seine Fehler gegenüber dem Publikum transparent korrigiert. Sehr hilfreich sind auch schnelle Reaktionen der Behörden, die Übles und Erfundenes auf Twitter sofort richtigstellen. Und eine Verpflichtung der Betreiber, Ehrenrühriges und Verleumderisches aus dem Netz zu entfernen.

Irrtümer, falsche Einschätzungen, Übertreibungen oder schlechter Journalismus sind keine Fake News. Nur wenn Journalisten trotz späteren besseren Wissens erkannte Fehler nicht korrigieren, wird aus einem Irrtum eine Lüge. Journalismus lebt von sorgfältiger Abwägung und doppelter Überprüfung, Vereinfachung ist notwendig, darf aber die Substanz nicht verändern. Die ungeheure Beschleunigung durch ständige Live-Berichterstattung und das Internet ist riskant. Wenn man, wie zuletzt beim NPD-Verbot geschehen, Verfassungsrichter nicht einmal mehr ausreden lässt, bevor man die erste Eilmeldung absetzt, ist das Risiko einer Falschmeldung hoch.

Ganz neu ist diese Erkenntnis nicht: Eine erste große Bewährungsprobe erlebte das Live-Medium Radio am 7. Dezember 1941 beim Überfall der Japaner auf Pearl Harbor. Verlässliche Informationen waren in den ersten Stunden danach rar, so folgten wilde Spekulationen. Etwa, dass es die Nazis gewesen sein müssten, weil Japan zu einem solchen Angriff gar nicht in der Lage sei. Augenzeugen wollten das Hakenkreuz auf den angreifenden Maschinen erkannt haben. Viele Journalisten blamierten sich.

2. Vorhandene Beweise öffentlich machen

Wenn, zweitens, mit Stasi-Methoden und von fremden Staaten in den öffentlichen Meinungsbildungsprozess eingegriffen wird, ist dies ein gravierender Vorgang. Seit dem Beginn des Internet-Zeitalters wird über die Gefahr von Cyber-Angriffen diskutiert, als schlimmstes Szenario galt der Angriff auf Wasser- oder Stromversorgung. Nun steht im Raum, dass die kritischste Infrastruktur, die Demokratie selbst, attackiert wird. In den USA wird untersucht, ob Russland Daten der Demokratischen Partei hackte, sie über Wikileaks veröffentlichte und damit Hillary Clinton schwer schadete. Ist Trump also auch jedenfalls mit Hilfe einer aktiven Maßnahme ins Amt gekommen? Haben die Russen, Verlierer des Kalten Krieges, die alten Methoden erfolgreich modernisiert?