Journalismus Die Lokalisten

Viele Heimatblätter stehen journalistisch und finanziell unter enormem Druck. Vergleichsweise sehr viele treue Leser hat die "Elbe-Jeetzel-Zeitung" in Niedersachsen. Woran das liegt? Ein Besuch.

Von Thomas Hahn

Selbstlob ist unjournalistisch, deshalb fängt Benjamin Piel erst gar nicht damit an. Er und sein Chefredakteurs-Kollege Jens Feuerriegel sind bei der Elbe-Jeetzel-Zeitung (EJZ) beschäftigt mit den Wahrheiten aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen. Da können sie sich nicht zu lange mit Positiv-Statistiken aufhalten. Und der Umstand, dass die EJZ zu den erfolgreichsten deutschen Heimatzeitungen zählt? Eine hübsche Bestätigung, kein Grund zum Feiern.

Im täglichen Editorial hat Feuerriegel diesen Umstand kurz erwähnt, das reicht. Piel sagt: "Ich fände es völlig unangebracht, wenn man daraus schließen würde, wir machen die tollste Zeitung." Das EJZ-Gebiet im niedersächsischen Hinterland weise nun mal Faktoren auf, die günstig sind für klassische Printmedien: geringe Einwohnerzahl, hohes Durchschnittsalter, schlechte Internetanbindung. Die Natur des Kreises gibt gerade keine Jugend- oder Digitalwelle her, die die Zeitung wegspülen könnte. Piel rät Gratulanten und EJZ-Begeisterten: "Nicht durchdrehen."

Die Gratulationen gingen zurück auf die Rangliste des Branchendienstes Meedia, der die Verkaufszahlen von Lokalzeitungen mit den Einwohnerzahlen gegenrechnete. Solche Listen sind in der Tat nicht unbedingt das richtige Mittel, um gute von schlechten Zeitungen zu unterscheiden. In jene Statistik sind Verkaufszahlen von Zeitungen aus 11 092 deutschen Gemeinden, 107 kreisfreien Städten und 295 Landkreisen eingegangen. Nicht jede dieser lokalen Zellen ist ein Biotop für Zeitungsleser. Es mag Orte geben, an denen eine engagierte Redaktion mit ausgewogener Berichterstattung nur wenige Leute erreicht. Und andere, an denen sich ein flacher Gefälligkeitsjournalismus erstaunlicher Beliebtheit erfreut. Eine wirklich gute Zeitung hat nicht nur viele Leser - sie bietet einen sachlichen, klaren und bei Bedarf auch schonungslosen Blick auf das vielfältige Geschehen des Alltags. Sie hilft den Lesern, die Welt ein bisschen besser zu verstehen.

Der Lokaljournalismus ist ein schwieriges Feld. Viele Heimatredaktionen sind unterfinanziert, was zu schlechten Zeitungen und einem Imageproblem führt. Lokaljournalismus sehen viele als leichte Übung für Reporter, die den Absprung nicht geschafft haben. Natürlich ist das Quatsch. "Ob ich bei der Süddeutschen Zeitung arbeite oder bei der EJZ, ist von den ethischen und handwerklichen Standards her für mich kein Unterschied", sagt Piel. Mit dieser Haltung arbeiten alle bei der EJZ, und den Rahmen gewährleistet die Familienstiftung, der die Zeitung gehört.

Eine Reportage über einen alkoholkranken Schützenkönig? Natürlich kommt so etwas ins Blatt

25,4 Prozent der 45 741 deutschen Einwohner im Landkreis Lüchow-Dannenberg kaufen jener Berechnung zufolge die EJZ, Platz eins vor der Nordwest Zeitung aus Ammerland (23,7) und dem Weser-Kurier in Osterholz (23,1). Nach 2014 liegt die EJZ zum zweiten Mal vorne. Und Piel fände es auch unjournalistisch, wenn man diesen Erfolg nur mit den zeitungsfreundlichen Weiten des Wendlands erklären würde. Dazu ist der Aufwand zu groß, den das zwölfköpfige Redaktionsteam um Piel und Feuerriegel für jede Ausgabe betreibt. "Ich habe den Eindruck, dass die Leute spannend finden, was wir machen", sagt Piel.

Benjamin Piel sitzt im Konferenzraum des Redaktionsgebäudes in Lüchow. Jens Feuerriegel ist verhindert, aber man darf wohl annehmen, dass Piel nichts sagt, was Feuerriegel nicht auch sagen würde. Auf den ersten Blick sind sie ein ungleiches Führungsduo: Feuerriegel, 54, könnte man ein EJZ-Urgestein nennen. Er hat die Zeitung schon als Lüchower Junge gelesen, seit 1987 ist er für sie tätig, 1998 wurde er ihr stellvertretender Chefredakteur. Benjamin Piel ist 32 Jahre alt, gebürtig im Ruhrgebiet, einst Volontär und Redakteur der Schweriner Volkszeitung, seit 2012 bei der EJZ. Außerdem ist Piel Träger des Theodor-Wolff-Preises.

Aber Piel und Feuerriegel haben sich offensichtlich nie in den Kleinkriegen verloren, zu denen es kommen kann, wenn bewährte Kraft und junger Aufsteiger aufeinandertreffen. Piel und Feuerriegel teilten sich in der Redaktion von Anfang an das mittlere Zweier-Büro, und als sie Mitte 2015 zur Doppelspitze wurden und rüber- ziehen sollten ins Chefzimmer, beließen sie es dabei. Jetzt stecken sie ihre Talente zusammen: Kreative Jugend plus Erfahrung ergibt kompletten Lokaljournalismus, so geht die Rechnung.

So entsteht bei der EJZ eine ideenreiche Berichterstattung auf dem Boden der Tatsachen. Kein abgedrehtes Kunstprodukt, sondern ein Blatt, das lokale Themen ernst nimmt. Die Mantelseiten kommen von der Landeszeitung für die Lüneburger Heide, dazwischen lebt Lüchow-Dannenberg in seinen Facetten. Es gibt sachliche Texte über die Fahrpreisdebatte bei der Lüchow-Schmarsauer-Eisenbahn oder den Saisonstart in der Tischtennis-Bezirksklasse. Aber auch andere Perspektiven, bisweilen seitenfüllend. Am Freitag erschien das Porträt einer Dannenbergerin, die mal ein Mann war. Piel gewann den Wolff-Preis 2014 für die Reportage über eine Sex-Begleitung für Menschen mit Behinderung.

Lüchow-Dannenberg weist die typischen Symptome eines abgelegenen Stücks Deutschland auf: Strukturschwäche. Landflucht. Schlechte Infrastruktur. Trotzdem wirkt der Landkreis vital und lebenswert. Lüchows Fachwerkhaus-Idylle ist gut ausgestattet mit Läden, Gasthäusern, zwei Museen. Die freie Kulturszene ist rege, die Flüchtlingshilfe auch, und neben konservativer Vereinsmeierei hat politisches Querdenken Tradition. Das Atommülllager Gorleben gehört zum Kreis, das hat die Menschen hier geprägt - und die EJZ auch. Ende der Siebzigerjahre erhob sich die Anti-Atomkraft-Bewegung, und die mächtigen Befürworter erwarteten einseitige Berichte in ihrem Sinne. Damit wollte der damalige Chefredakteur Kurt Schmidt nicht dienen und gab der EJZ ein Profil als tapfere kleine Zeitung. "Darauf kann man gut aufbauen", sagt Piel.

Lokaljournalisten müssen besonders mutig sein. Denn jene, die sie kritisch begleiten, treffen sie beim Einkaufen oder im Café. Für Piel gibt es in Lüchow-Dannenberg praktisch keine Anonymität, und die Leser nehmen die Zeitung sehr ernst. Einmal schrieb Piel einen Text über einen alkoholkranken Schützenkönig beim Lomitzer Dorffest. Die Reportage erzählte anschaulich von Nüchternheit inmitten der Bierseligen. Wütende Anrufe folgten. Piel fragte: Ist was falsch im Text? Antwort: Nein, aber das kann man doch nicht schreiben.

Piel lächelt. Er hat seine Freude daran, der Provinz ihre Geschichten abzutrotzen und dabei das Gewohnte zu durchbrechen. Wenn er sich als Reporter von der Jeetzel vorstellt, erlebt auch er die abschätzigen Blicke der anderen. Er weiß, dass sie falsch liegen. "Wir wollen über Leute von hier erzählen, was in der Welt passiert", sagt Benjamin Piel, und er hat nicht das Gefühl, dass das eine schlichte Tätigkeit ist.