Jeff Bezos und die "Washington Post" Fremder Freund

Amazon-Chef Jeff Bezos

(Foto: REUTERS)

Was der Amazon-Gründer Jeff Bezos mit der traditionsreichen "Washington Post" vorhat, interessiert Journalisten auf der ganzen Welt. Wie will der Geschäftsmann den klassischen Printjournalismus in der digitalen Ära neu erfinden? Doch Bezos hüllt sich noch immer in Schweigen.

Von Nicolas Richter, Washington

Die Reporter der Washington Post schreiben nicht gern über ihre eigenen Chefs - aus Furcht davor, wie Kriecher oder Schleimer zu klingen. Ende Oktober allerdings ließ es sich nicht vermeiden: Im Hauptquartier der Zeitung, in einem eher abschreckenden Plattenbau an der 15. Straße der amerikanischen Hauptstadt, haben sie ihren langjährigen Eigentümer Donald Graham verabschiedet. Alle waren da für ein letztes Familientreffen, der legendäre Alt-Chefredakteur Benjamin Bradlee, der Watergate-Reporter Bob Woodward, und natürlich der Clan der Grahams, dem die Post vier Generationen lang gehörte.

Dass die Zeitung anschließend mit wärmenden Worten über das "Liebesfest" für Graham berichtete, war kein Verstoß gegen die eigenen Grundsätze: "Uns ist klar geworden", bemerkte die Reporterin, "Graham ist ja gar nicht mehr unser Chef." Nein, Graham ist nicht mehr Inhaber der Washington Post, er hat seine Traditionszeitung vor einem Monat verkauft.

"Washington Post" im Porträt Die "Watergate"-Zeitung

"Wir haben dieses Blatt geliebt", schreibt Donald Graham, dessen Familie die "Washington Post" in den vergangenen 80 Jahren geführt hat. Viele Wendungen hat die Traditionszeitung in ihrer langen Geschichte erlebt. Ein Rückblick von der Gründung 1877 bis in die Gegenwart.

Niemand hat Donald Graham Verrat vorgeworfen; wenn jemand dieses Blatt geliebt hat, dann er, und alle haben sie mit ihm gefühlt. "Es muss so wehtun, wie wenn einer seine Kinder abgibt in einem anderen Zuhause, in der Hoffnung, dass sie dort besser aufwachsen", sagt Paul Farhi, ein Reporter der Post. Es ist schmerzhaft für Graham, den Verleger, der das Blatt abgegeben hat, weil er nicht mehr wusste, wie er es retten sollte. Er hat es für 250 Millionen Dollar an Jeff Bezos verkauft, den Erfinder des Versandhändlers Amazon, einen reichen Mann, einen Mann der Internetzeit.

Die Redakteure der Washington Post, dieser stolzen, aber bedrohten Institution des US-Journalismus, leben nun in einem neuen Elternhaus. Sie haben drei Phasen durchlebt mit Stiefvater Bezos. Als sie im Sommer vom Verkauf erfuhren, waren sie schockiert: Ein Online-Großhändler leistet sich das Blatt, das einst Präsident Richard Nixon zum Rücktritt zwang? Nach Bezos erstem Besuch in der Redaktion im September waren sie dann sehr angetan: Der neue Eigner hinterließ einen engagierten, aber nicht kontrollwütigen Eindruck. In Phase drei ist die Redaktion nun gespannt, was Bezos ändern wird - aber Bezos lässt sie warten.

"Eine Art Nicht-Event"

Bezos und die Post, das ist ein Experiment von weltweiter Relevanz: Gelingt es einem Erfinder, etwas Bewährtes neu zu erfinden? Noch aber hat der Geschäftsmann nicht durchblicken lassen, wie er den klassischen Printjournalismus in der digitalen Ära etablieren möchte. "Seltsamerweise ist aus dem Eigentümerwechsel eine Art Nicht-Event geworden", sagt Farhi.

Die Redaktion scheint dies zunächst für eine gute Nachricht zu halten. Es zeigt, dass sich Bezos Zeit nimmt und dass er sich diese Zeit leisten kann. Die Zahlen sind nicht so gut. Während die Post im Spitzenjahr 1993 an Wochentagen noch 832 000 Exemplare verkaufte, sind es heute noch 447 000. Während Anzeigen im Jahr 2000 in der Post noch mehr als 660 Millionen Dollar einbrachten, waren es zuletzt nur noch 228 Millionen. Die Online-Werbung wächst zwar, gleicht aber den Verlust an gedruckten Anzeigen nicht aus. Die Zahl der Leser im Internet wächst stark, eine Bezahlschranke aber wurde erst im Sommer eingezogen, mit unklaren Folgen.

Die Redaktion, die noch immer preisgekrönten Journalismus hervorbringt, ist zuletzt laufend verkleinert worden, weil Alteigentümer Graham wirtschaftliche Verluste vermeiden wollte. Als großen Vorzug seines Nachfolgers Bezos sehen es Teile der Belegschaft, dass er der Zeitung mit seinem Privatvermögen mehr Zeit gibt, eine "längere Startbahn", wie Bezos sagt.